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Exit Strategie vom Kinderwunsch

26.07.2016
Exit Strategie von Helge

Nu is‘ aber gut. Reicht! Spaß is‘ auch was anderes. Wieso nochmal? Bringen tut’s ja offensichtlich nichts.

So und so ähnlich meldete sich immer wieder meine innere Stimme. Die Kinderwunschbehandlung begann ihre Fratze zu zeigen, also musste eine Exit Strategie her. Passend dazu haben schon Icke&Er formuliert:

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Den gesamten Song könnt ihr euch hier ansehen.

Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

Lasst mich aber kurz zusammenfassen: Im März diesen Jahres haben wir eine ICSI durchgeführt, den eigenen Kindern sind wir jedoch keinen Schritt näher gekommen. Stattdessen haben wir nach einer erfolglosen Schwangerschaft im Folgezyklus sämtliche Flure, Betten und Behandlungsräume des örtlichen Krankenhauses kennenlernen dürfen. Eine Erfahrung, die ich auch meinen ärgsten Feinden nicht wünschen würde. Diese Zeit hat mein Nervenkostüm stark in Mitleidenschaft gezogen, für viele schlaflose Nächte gesorgt und mir einen großen Sack voll Sorgen um meine Frau beschert. Am Ende hat es nichts gebracht, uns aber viel Lebensfreude geraubt – vom Geld mal abgesehen.

Eine ganze Weile waren wir – wie paralysiert – mit dem Versuch beschäftigt, den Alltag zu bewältigen. Erst während unseres Urlaubs haben wir Zeit für unsere Gefühle gefunden. Abends am Strand bei Sonnenuntergang, Aperol Spritz und Tabula rasa wurde klar, dass wir nicht mehr weitermachen wollen.

Wir ziehen einen Strich

Wir wollen unser Leben zurück. Es soll Schluss sein mit den Hormonen, mit den Spritzen, mit Sex nach Plan, mit Terminen in der Klinik, mit Ausreden beim Arbeitgeber. Uns ist ohnehin schon lange klar, dass die Chance auf ein Kind gering ist. Kein Arzt, kein Heilpraktiker und keine Diagnostik konnten uns bisher helfen. Wenn es doch noch ein Verfahren geben sollte, dann wird es uns nun auf ewig verschlossen bleiben, denn wir suchen nicht mehr weiter.

Gemeinsam mit Rieke, da bin ich mir sicher, kann mein Leben erfüllt, genussvoll und ausgeglichen sein. Eigene Kinder sind zwar mehr als nur die Kirsche auf der Sahne, aber wir beginnen zu verstehen, dass wir nicht alles bekommen können, was wir uns wünschen.

Diese Entscheidung fällt schwer, aber unser Leidensdruck ist zu hoch, um weiter an einem Lebensentwurf zu schrauben, den wir nicht umsetzen können. An dieser Stelle höre ich schon wieder die Stimmen:

Wenn ihr mit dem Versuch aufhört und euch entspannt, klappt es bestimmt von alleine.

Dazu kann ich nur gähnen und euch bitten diesen Blogpost nochmal ausführlich zu lesen!

KiWuExit – die Strategie

Was ist schön an unserem Leben? Was bereichert uns? Über diese Fragen haben wir uns schon vor längerem einem möglichen Plan B genähert.  Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie ohne Kinder unser Glück finden? Eine Antwort war: Ohne Kinder wollen wir´s nicht. Warum auch, wir haben viele Kinder – Patenkinder, Neffen, Freundeskinder. Schon jetzt schenken wir ihnen unsere Aufmerksamkeit, verbringen viel Zeit mit ihnen und erlangen unsere tägliche Portion Glückseligkeit. Dies soll auch so bleiben.

Jetzt braucht es noch einen anständigen Rahmen. Und auch den haben wir gefunden; ein kleines Haus mit großem Garten und Platz für kleine, größer werdende und große Schlafbesucher. Wir haben es uns gewünscht und es hat uns gefunden. Perfekt. Genauso sollte es doch immer laufen. Wir haben nicht lange gezögert und zugeschlagen. Die Tinte unter dem Kaufvertrag ist mittlerweile trocken, jedoch müssen wir uns noch drei Monate bis zur Übergabe gedulden. Doch dann leben wir in unserer „Begegnungsstätte“. Noch fehlen dem Haus der Charme, die gewisse Ausstrahlung und die Individualität, aber daran werden wir arbeiten. Denn gewonnen haben wir durch die Kinderlosigkeit ganz viel Zeit für uns, für unser neues Haus. Unser Umfeld äußert hin und wieder Neid über so viel Unabhängigkeit, Freiraum und unseren gesunden Schlafrhythmus. Ja, es mag recht egoistisch daher kommen. Aber mal ehrlich: Wir hätten alles hergegeben ohne mit der Wimper zu zucken, aber nun können wir dem auch viel Gutes abgewinnen!

Am Ende jedoch sollen alle etwas davon haben: Ein Haus mit offenen Türen, in dem jeder herzlich willkommen ist.

Und jetzt?

Ja, es ist soweit. Helge sagt Tschüss! Ich verabschiede mich vom Kinderwunsch. Damit soll hier aber keine Grabesstille herrschen. Jetzt geht es ja eigentlich erst richtig los. Meine Themen in der Zukunft lauten zukünftig „Plan B zum Kinderwunsch“ und „Ungewollt Kinderlos in der heutigen Gesellschaft“. Wenn euch noch weitere Themen interessieren, schreibt sie mir gerne in die Kommentare.

Übrigens: Sobald Rieke und ich eine letzte Kontrolle aller eventuell kompromittierenden Details auf diesem Blog abgeschlossen haben, könnte ich euch meine wahre Identität offenbaren. Hui, da bekomme ich jetzt schon ein bisschen Herzklopfen. Die Entscheidung steht aber noch nicht fest und wird heiß diskutiert. Was meint ihr, ist es Euch wichtig zu wissen, wer wir sind? Oder kennen die meisten uns eh schon?

 

10 Kommentare

  • Antworten Soli 26.07.2016 um 9:26 Uhr

    Hallo ihr zwei, erstmal Hut ab für diese Entscheidung! Ich bin sicherlich niemand, der euch zum Durchhalten animieren möchte, denn wir sind selber ein Kinderwunsch-Paar und wissen, dass nicht alles geht, was man sich wünscht. Es ist hart, aber leider nicht jedem vergönnt. In jungen Jahren ist es natürlich umso unverständlicher, warum es nicht sein soll, aber ich hoffe, ihr könnt den anstrengenden Jahren letztlich auch etwas positives abgewinnen. Immerhin habt ihr einen ganzen Fundus an Lebenserfahrung dazu gewonnen, ihr könnt Menschen und Lebensentwürfe nun mit anderen offeneren Augen betrachten, eure Beziehung geht sicherlich gestärkt daraus hervor (nur wenige Paare kämpfen so lange einen gemeinsamen Kampf um ihren Traum) und ihr wisst, dass ihr wirklich tolle Freunde habt.

    Und ich denke, ihr werdet sicherlich bald merken, dass es wieder aufwärts geht. Dass ihr zwar immer mit etwas Wehmut zurückschauen wird, aber dass man wieder glücklich sein kann und die schönen Seiten des Lebens genießt. Macht was aus dieser Freiheit, denn ändern könnt ihr es nicht mehr.

    Mir hat euer Blog viel Kraft und Trost gegeben und wird es sicherlich auch in Zukunft tun. Denn quasi über Nacht wurden wir ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch und wir mussten ihn fast genauso schnell begraben. Wir haben gerade ein paar harte Monate hinter uns, aber es geht langsam wieder aufwärts (uns bleibt die Möglichkeit von Spendersamen, aber ob ich ein Kind austragen kann? – und ob wir uns am Ende wirklich dazu entscheiden, wer weiß das schon?). Das anstrengendste für mich war in der Tat das Hoffen und Bangen. Als die Nachricht kam, war ich todtraurig, aber auch unendlich erleichtert, dass ich eben nicht mehr bangen muss. Daher gemäß deinem Eintrag: lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!

    Ich wünsche euch nur das beste!

    • Antworten Helge 26.07.2016 um 9:57 Uhr

      Moin Soli,
      es freut mich, dass ich dir etwas Kraft und Trost spenden konnten. Du hast übrigens absolut recht, wir können der ganzen Zeit etwas Positives abgewinnen. Die Kinderwunsch-Zeit hat uns zusammengeschweißt und uns gezeigt, welche Freunde wir brauchen und welche Freundschaften eher oberflächlich sind. Es ist nie schlimm, oberflächlich befreundet zu sein, bloß sollte man es vorher wissen. Jetzt haben wir uns ein sicheres Refugium gebaut, das stabil genug steht, um auch weitere Stürme auszuhalten. Ich drücke dir die Daumen, dass auch ihr gut durch eure Zeit des Gefühlsturbulenzen kommt.
      Alles Liebe,
      Helge

  • Antworten perlenmama 26.07.2016 um 11:47 Uhr

    Ich wünsche euch von Herzen alles Gute. Wirklich. Du hört dich nicht wirklich abgeklärt sondern angekommen an, das ist schön zu lesen.

    PS: ich muss nicht wissen wer ihr seid, ihr seid für mich auch so schon reelle Personen. Aber wenn ihr es preisgeben wollt: nur zu.

    • Antworten Helge 29.07.2016 um 14:57 Uhr

      Danke Perlenmama, wenn du ein genaues Bild von uns hast, haben wir ja alles richtig gemacht. Da ich glaube, dass dieses Bild von Rieke und Helge mit einer Offenlegung meiner Identität (zum Positiven oder Negativen) Schaden nehmen würde, habe ich mich vorerst dazu entschieden, anonym zu bleiben. Helge könnnte ich eh nicht aufgeben.

  • Antworten ... 26.07.2016 um 13:48 Uhr

    Vielen, vielen Dank an Dich für die Möglichkeit, die Du auch mir mit diesem Blog geschaffen hast, Dich/Euch innerlich ein Stück besser begleiten und verstehen zu können. Deine Worte haben mir sehr dabei geholfen mich den inneren und äußeren Herausforderungen und Achterbahnfahrten Eurer Wünsche, Hoffnungen und Realitäten zu nähern. Da mein Leben bisher davon unberührt war, hast Du mir so Einblick gewährt und eine Verständnisbrücke gebaut. Danke
    Auf unterstützende Arbeitseinsätze bei der Gestaltung Eurer „Begegnungsstätte“ freue ich mich.
    Ich bin sehr stolz auf Dich!
    Dein….

    • Antworten Helge 29.07.2016 um 14:54 Uhr

      Danke Papa! Schön, dass du meinen Blog ebenfalls verfolgst und er dir geholfen hat, uns zu verstehen. Und keine Sorge, bei den Arbeitseinsätzen für die „Begegnungsstätte“ planen wir dich gerne mit ein 😉
      Liebe Grüße von deinem Sohn.

  • Antworten Linktipps #7 - Meine Blogfunde im Juli 2016 - Mama geht online 31.07.2016 um 21:52 Uhr

    […] in seinem Blog nieder. Doch nach vielen Rückschlägen haben Helge und seine Partnerin für sich eine Entscheidung getroffen … Schluss, aus, es soll wohl einfach nicht sein. Sehr ehrlich und aus der Sicht eines Mannes mehr als […]

  • Antworten Mike 02.08.2016 um 8:33 Uhr

    Ein sehr rührender Text. Ich finde Euern Plan B super und wünsche Euch ganz viel Erfolg und Glück in der Zukunft. Ich weiß nicht ob wir jemals einen Plan B überhaupt in Erwägung hätten ziehen können, daher habt Ihr meinen absoluten Respekt vor dieser Entscheidung.

    Ob Ihr Eure wahre Identität preis gebt oder nicht ist egal, wir kennen Dich/Euch auch jetzt schon bestens, egal welcher Name dahinter steckt.

  • Antworten Mak Sim 15.01.2017 um 20:30 Uhr

    Auf der Suche nach Leidensgenossen bin ich auf diesen Blog gestoßen. Leider hat es bei euch nicht geklappt aber irgendwann mal ist auch gut!

    Bei uns wird es nun auch nicht klappen da wir uns trennen.
    Dennoch habe ich eine Seite ins Leben gerufen um anderen zu helfen und diese zu informieren!

    Leider sind meine Spermien nicht die besten und leider werde ich in der kürze der Zeit nun auch nicht mehr erfahren ob das nicht rauchen, das mehr Sport und die Einnahme von Spurelementen zur Verbesserung beigetragen haben.

    Bin mal gespannt wann eine neue Liebe ins Leben kommt und ob ich irgendwann mal auch eine Exit Strategie brauchen werde… 🙁

  • Antworten Claudia 19.10.2017 um 18:49 Uhr

    Lieber helge,
    Ich möchte dir einfach danken für deine offenheit. Du ahnst ni ht wie oft ich deinen mona lisa beitrag anschaue. Auch ich muss abschied nehmen vom kinderwunsch, aufhören, eeinem bestimmten familienbild hinterher zu laufen. Und es fällt mir schwer, die trauer ist tief. Und die frage, warum es doch bei anderen so einfach scheint, warum wir nicht… ich finde es schwer zu akzeptieren. Und gerade deshalb macht mir dein block so mut. Zu sehen, dass es menschen wie euch gibt, die schätzen was sie haben und an diesem schicksal nicht verzweifeln. Ich zieh mich manchmal in meinem schmerz ganz schön von anderen zurück, auch von meinem partner. Schreib doch bitte weiter über euren weg, es hilft so unglaublich weiter. Euch alles liebe und gute.
    Claudia

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