Helge hat Schnupfen

Kinderlosigkeit ist wie Schnupfen

Neulich waren wir bei Freunden zu Besuch, um einen Blick auf ihren neugeborenen Sohn zu werfen.

Wir frühstückten und quatschten ausgiebig, alles war entspannt. Wir redeten über Urlaub, Camping, Wohnungseinrichtung und kamen – natürlich – auf Kinder und ihre Ernährung zu sprechen. Unsere Freundin hatte ihr Kind knapp 8 Wochen zu früh geboren und zu dem Zeitpunkt noch keinen Milcheinschuss. Daher griff sie zu Säuglingsnahrung.

Mir fiel dabei ein, dass ich von einer Bloggerin gelesen habe, die ihr Kind von einer Leihmutter bekam, letztlich aber selber ihr Baby durch immer wiederholtes Anhalten stillen konnte. Gleiches ist mir auch von den früheren Ammen im Gedächtnis geblieben. Sie haben ihre Ziehkinder immer wieder an die Brust gehalten, bis sie ihnen tatsächlich Milch geben und sie stillen konnten. Ich finde es immer wieder faszinierend. Jedenfalls habe ich davon erzählt und schaute in offene Münder und verblüffte Gesichter. Rieke hat sich noch Tage nach dem Treffen über diese Szene amüsiert.

Zugegeben, vielleicht war es nicht sehr taktvoll darauf hinzuweisen, dass sie ihr Kind mit ein wenig Anstregung doch hätten selber stillen können. Aber die mögliche Kritik war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Ich wollte einfach nur von der Geschichte erzählen, da ich es wirklich spannend finde. Zum Glück reagierten beiden auch so überrascht, weil sie sich schlicht gewundert haben, weshalb ein Mann ohne Kinder solche Geschichten auf den Tisch bringt.

Tja, das ist mein Schicksal – ständig unterschätzt 😉

Es gibt ein einfaches Bild von Kinderlosen: Entweder sie haben nur Karriere im Sinn oder hassen Kinder ganz allgemein. Die Möglichkeit, dass kinderlose Paare andere Kinder mögen, sich für Kinder interessieren und sich obendrein mit typischen Elternthemen beschäftigen, kommt vielen Menschen nicht in den Sinn. Dabei kann ich niemandem einen Vorwurf machen, denn Kinderlosigkeit ist gesellschaftlich mit den Vorurteilen (Kinderlose sind egoistisch, kinderscheu, karrieregeil) verknüpft.

Doch eigentlich ist es bei der Kinderlosigkeit, wie mit sovielen anderen Dingen auch: Es gibt nicht nur den einen Grund. Ein Schnupfen entsteht nicht nur davon, dass man einmal ohne Mütze den Müll rausgebracht hat. Vielmehr ist vermutlich das Immunsystem geschwächt, die Bakterien an der Haltestange im Bus und die gerade etwas einseitige Ernährung summieren sich, sodass die plötzliche Kälte am Kopf nur der berühmte Tropfen ist, der die Erkältung zum Überlaufen bringt – im verschnupften Sinne.

Bei Kinderlosen ist es ähnlich. Eine Vielzahl von Gründen kann zu Kinderlosigkeit führen. Es kann medizinisch oder psychisch begründet sein, es kann beides sein, es kann am fehlenden Partner liegen oder an dem Druck, unbedingt Geld verdienen zu müssen, weil die drei Minijobs gleichzeitig kaum zum Überleben reichen.

Eine Be- oder Verurteilung nur aufgrund einer „Kinderlosigkeit“ ist selten zutreffend. Mir hat eine weise Dame oft gesagt, ich solle immer davon ausgehen, dass es für eine Sachlage eine Vielzahl von Gründen gibt. Wenn die Antwort einfach ist, ist sie oft nicht richtig. Diese Logik lässt sich auch wunderbar auf die derzeitigen Wahlprogramme unserer demokratischen Parteien anwenden.

Mir bleibt in diesen Momenten immer die Erkenntnis:

Schaue genauer hin, lernen dein gegenüber kennen und halte dich mit schnellen Rückschlüssen zurück. Nun wurde ich von unseren Freunden in dem Gespräch über das Stillen falsch eingeschätzt. Doch in diesem Fall haftet dem nichts böses an, vielmehr freue ich mich, dass ich alle etwas verblüffen konnte. Manchmal habe ich nämlich auch den Eindruck, Eltern freuen sich, wenn sie mit mir ein Gegenüber haben, der interessiert ist über ihre Kinder zu sprechen und sie nicht zwanghaft nach anderen Themen suchen müssen. Schließlich bestimmt dieses Thema ihren Alltag.

4 Gedanken zu “Kinderlosigkeit ist wie Schnupfen

  1. Lars schreibt:

    Hallo Helge,
    Ich habe Eueren Beitrag gerade im ZDF gesehen.
    Meine Frau hatte vor 10 Jahren den letzen Abort.

    Wir haben uns danach auch entschieden, es nicht weiter zu versuchen und eine Adoption kam für uns auch nicht in Frage. In unserer Familie hat sich jemand zur Adoption entschlossen und das ist kein Kinderspiel!!!

    Worauf ich hinaus will ist, dass wir vor einigen Tagen ein Familienfest hatten. Mit einigen Kindern und älteren Familenmitgliedern.
    Und da kam er dann! Der Moment der Wehmut, kein Kind zu haben. Das geht nicht weg.

    Am Ende des Ganzen haben wir aber immer offen darüber gesprochen und unsere Erfahrungen geteilt, sodass wir zumindest bei 2 Kindern passive geholfen haben. Das ist doch auch schon etwas.

    Kopf hoch und immer Flagge zeigen. Je offener, desto weniger Sprüche.

    • Moin Lars, vielen Dank für deine Nachricht. Genau so, es geht nicht weg. Der Blick auf die schönen Seiten ist uns aber mehr als nur Trost, lässt uns glücklich sein. Es tut aber immer gut zu hören, dass wir nicht allein sind. Erhobenen Hauptes wünsche ich dir ein schönes Wochenende, Helge (gerade mit Freunden, Kindern und Sonnenuntergang am Strand)

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