Die drei Schuppen der Meerjungfrau

23.03.2016
Die drei Schuppen der Meerjungfrau

Rieke möchte sich schon seit längerer Zeit tätowieren lassen. Es soll ein Motiv sein, dass für sie Bedeutung hat, aber was das genau sein könnte, konnte sie sich noch nicht ganz vorstellen. Es soll Ausdruck unserer Geschichte sein, mit all den Leiden und Freuden. Wir sind dem Meer sehr verbunden, daher sollte es ein maritimes Motiv sein. Das Thema Kinderwunsch und unsere Herzenskinder haben sie so in ihrem Leben geprägt, dass das Motiv sich auch darauf beziehen soll. Ein Stern für jedes Sternenkind ist ihr dann aber doch zu plakativ.

Beim Samstagsfrühstück letzte Woche kam ihr die kleine Meerjungfrau in den Sinn. Kennt ihr die freud- und leidvolle Geschichte der kleinen Meerjungfrau? Also, nicht die Disneyvariante mit Arielle, sondern das Original von Hans Christian Andersen? Genau so. Sie lebt im Meer, aber das Land ist so reizvoll, dass die Meerjungfrau sich im Meer nicht so richtig zuhause fühlt. Sie will an Land und vom Prinzen geliebt werden, schafft es aber nicht. Obwohl sie sich sogar entscheidet die Gestalt der Meerjungfrau gegen die einer Menschenfrau einzutauschen, bleibt ihr Vorhaben erfolglos. Die Umwandlung ihrer Gestalt ist unumkehrbar, doch trotz dieses Opfers kann sie den Prinzen nicht für sich gewinnen. Dieses Märchen lässt viel Interpretationsspielraum, in dem sich auch unsere eigene Geschichte unterbringen lässt.

Die Meerjungfrau als Tattoo könnte auf eine sehr charmante Art als Trägerin unser Herzenskinder dienen. Für jedes verlorene Kind kann sie eine besonders schillernd bunte Schuppe gemalt bekommen. Ursprünglich waren zwei Schuppen vorgesehen… Aber nun ist eine dritte hinzugekommen.

Es verblüfft mich gerade selber, aber beim Schreiben diese Einleitung, mit der ich mich dem Thema aus einer ganz anderen Ecke nähere, habe ich einen Zugang zu Gefühlen in mir gefunden, die ich vorher nicht verspürt habe. Schauen wir mal, wohin mich diese Gefühle führen werden.

Die dritte Schuppe der Meerjungfrau

Ich blicke auf eine aufregende und durchaus glückliche Zeit zurück, in der Rieke schwanger war, der hcg-Wert nach oben ging und alle Ampeln auf grün standen. Wir haben uns immer eingebildet, wenn es noch einmal klappt, ein drittes Mal, dann werden wir ein Baby auf den Armen tragen können. Unser eigenes, nicht nur ein geliehenes. Und plötzlich sah es dann tatsächlich danach aus. Auf Twitter konnte ich meine Freude nicht mehr zurückhalten und verkündete die frohe Botschaft. Die Vielzahl der Beglückwünschungen ist für mich immer noch total überwältigend.

Doch wechseln wir nun von der Vergangenheitform in die Gegenwart. Der hcg-Wert steigt nicht ausreichend, die Schwangerschaft ist nicht intakt, ein Ultraschall zeigt keine Fruchthöhle oder gar ein Embryo, ein eigenes Kind wird uns nicht vergönnt sein. Die Nachricht ist wie ein Paukenschlag, auch wenn es mich nicht so sehr trifft, wie bei der letzten verlorenen Schwangerschaft (siehe Helge wird wieder Herzensvater). Rieke zerläuft aber förmlich in meinen Armen. Es ist schrecklich mit anzusehen und bricht mir das Herz. Ganz liebe Freundinnen, ihre Mutter und ich versuchen ihr Stütze zu sein und langsam kommt sie wieder auf die Beine.

Es dauert eigentlich nicht so lange, vielleicht zwei, drei Tage, bis Rieke die heftigesten Gefühle des ersten Schmerzes überwunden hat. Doch noch haben die Blutungen nicht vollständig eingesetzt. Sie beginnen zwar, sind aber viel zu gering und zu schnell vorbei. Die Blutung ist schon bei den ersten zwei Fehlgeburten ein wichtiger Teil ihrer Verarbeitung gewesen.

Wenn’s kommt, dann dicke

Irgendwas läuft nicht ganz richtig. Rieke ist in engmaschiger Kontrolle bei der Frauenärztin. Die Blutwerte zeigen, dass der hcg-Wert nicht ausreichend absinkt, dazu bricht ihr Kreislauf immer wieder weg und sie hat plötzlich Schmerzen im Unterleib. Unsicherheit macht sich breit: Doch eine Eileiterschwangerschaft?

Die Frauenärztin hat Rieke in jedem Telefonat mindestens zwei mal eindrücklich gebeten: „Wenn sie Schmerzen oder ungewöhliche Kreislaufbeschwerden haben, fahren sie ins Krankenhaus!“  Vorgerstern tat ihr dann beim Fahrradfahren plötzlich die rechte Leiste weh und der Kreislauf verabschiedete sich plötzlich, Oberbauchdruck blieb. Da haben wir uns doch für einen Besuch im Krankenhaus entschieden. Rieke musste die letzen 24 Stunden in der Klinik verbringen, da das Ultraschall bei der Aufnahme, laut Oberärztin, etwas auffällig war. Schon da war aber die Vermutung, dass die Gelbkörperzyste geplatzt ist, die vorher noch da war, nun aber weg ist. Das könnte auch die Beschwerden verursacht haben. Der Ärztin ist eine Überwachung dann aber doch lieber und so wird Rieke zur Kontrolle stationär aufgenommen. Am Ende zeigt sich am folgenden Tag in der Sonografie das zweite Ultraschall unauffällig und eine Operation ist nicht notwendig. Der hcg-Wert sinkt von alleine und kann ambulant weiter kontrolliert werden. Rieke wird entlassen und wir können nun doch noch die Ostertage zuhause und bei Freunden verbringen. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie erleichtert ich bin. Ein tonnenschwere Last wird mir von den Schultern genommen.

Unser Weg entlock mir in solchen Phasen immer mal wieder ein „Puh“. Ein „Puh“, für ganz schön aufregend, ganz schön anstregend, ganz schön viel Leben spüren. Es stellt sich mir immer mal die Frage, ob die Kinderwunschzeit am Ende meines Lebens ein bunter Flecken sein wird oder ein bedeutendes Erlebnis, das mein Leben entschieden gelenkt hat. Kann ich die Größe ihrer Bedeutung in meinem Leben selbst bestimmen oder sind sie so massiv, dass sie mich, meine Beziehung, meinen Lebensweg maßgeblich beeinflussen. Sind sie wirklich ein Tattoo wert?

Was meint ihr? Wieviel Bedeutung messt ihr eurer Kinderwunschgeschichte bei? Ist sie ein Tattoo für die Ewigkeit wert?

 

2 Kommentare

  • Antworten J.B. 21.04.2016 um 8:18 Uhr

    Eine 3. Schuppe… Ach Mensch, ich weiß gar nicht was ich sagen soll außer: Das tut mir sehr Leid.

    Ein Tattoo für die Kinderwunschzeit. Ich habe mir eines stechen lassen wegen dieser Zeit. Aber weniger um sie unter meiner Haut zu verewigen – vergessen wird man diese Zeit sowieso nie – sondern eher um sie durchzustehen. Ein Mut-Mach-Tattoo sozusagen.

    Diese Meerjungfrau – ein sehr schönes Motiv wie ich finde – mit ihren drei Schuppen. Ob die Kinderwunschzeit ein Tattoo „wert“ ist… Vielleicht nicht. In meinen Augen unsere Sternenkinder aber auf jeden Fall.

    Ich wünsche euch viel Kraft und alles Liebe!

  • Antworten retoertchen 27.04.2016 um 17:49 Uhr

    Es tut mir sehr leid für euch. Auch ich war bisher viermal schwanger und nur einmal davon bis zum glücklichen Ende nach neun Monaten.
    Ist es ein Tattoo wert? Klar ist es das! Der Kinderwunsch, die Frage ob man Familie werden darf und wie groß diese Familie letztlich sein wird sind elementare Fragen die über den Rest unseres Lebens entscheiden. Der Kinderwunschweg ist einer der härtesten die ich bislang gehen musste und ist und bleibt Bestandteil meines Lebens. Ich lasse mich im Juni von einer tollen Künstlerin tätowieren. Das Motiv hat für den Aussenstehenden nichts mit unserem Kinderwunschweh gemein, für mich aber umso mehr ?

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