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Geräusche von der Hintertür

05.09.2018

Das eigene Haus ist mein Synonym für unser kinderfreies Leben. Das klingt vielleicht etwas schräg, aber tatsächlich bin ich nur wenige Tage nach der ausschlaggebenden Fehlgeburt auf unser jetziges Haus gestoßen. Die Zeit nach der Beendigung unseres aktiven Kinderwunsches war gefüllt mit Sanierung- und Renovierungsarbeiten. Wir mussten das Dach dämmen, den Dachstuhl verstärken, Wasser- und Stromleitungen legen, Trockenbauwände stellen, hier mal ein Fenster reparieren, dort mal ein Türschloss austauschen. Das Haus hat unsere letzten zwei Jahre stark geprägt.

Und genau  bei einer Tätigkeit, dem Austausch des Türschlosses kam mir plötzlich ein Gedanke, ihr mögt ihn abwegig finden, aber für mich passt er wie die Faust aufs Auge. Die Einbruchsicherung unseres Hauses ist genau wie unser Abschied vom Kinderwunsch.

Einbruchschutz für unser Haus

Genau wie das neue Haus, war unser neues Leben ohne die Kinderwunschbehandlungen zuerst ungewohnt und fühlte sich noch wackelig an. Die emotionale Sicherheit mussten wir uns wieder zurück erarbeiten, den neuen Lebensentwurf stärken, das Fundament festigen, die gröbsten Löcher in der Fassade abdichten und die Optik aufpolieren. Schlussendlich aber auch dafür sorgen, dass niemand ohne Erlaubnis bei uns eindringt. Wir wissen nicht genau, wer von den Vorbesitzern alles einen Schlüssel zu unserem Haus besitzt – und damit meine ich sowohl Personen, als auch Themen aus unserer KiWu-Vergangenheit. Darum wird die Eingangstür justiert, die Schlösser werden getauscht und neue Schlüssel angefertigt. Nun haben wir wieder die volle Kontrolle darüber, wer uns zuhause besuchen kann. Denkste.

Jedes Haus hat eine Schwachstelle

Wie jedes Haus hat auch unseres eine Schwachstelle. Glücklicherweise haben wir sie noch nicht bemerkt, aber unser mentales Haus hat seine Achillesferse bereits offenbart. Wir haben uns entschieden, uns beim Abschied vom aktiven Kinderwunsch eine Hintertür offen zu halten – wir verzichten auf die Verhütung.  Ja, eine offene Hintertür ist ein Risiko, aber es wird schon gutgehen.

Der Einbrecher

Eines Abends sitzen wir im Wohnzimmer und spitzen die Ohren. War das gerade ein Quietschen? Macht sich dort jemand an unserer Hintertür zu schaffen? Tatsächlich, wir finden Spuren eines Einbrechers – der Schwangerschaftstest ist positiv. Es dauert nur wenige Tage bis wir Klarheit über die Geschehnisse haben. Der Einbrecher ist wieder weg und hat nichts mitgenommen, aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Da kann man vorne alles verrammeln und verschließen, am Ende ist die gesamte Sicherung nur soviel wert, wie sein schwächstes Glied.

Auch wenn augenscheinlich nichts passiert ist, bedeutet ein Einbruch doch ein traumatisches Erlebnis. Bietet mir das Haus ausreichend Schutz? Kann ich mich gegen äußere Angriffe ausreichend zur Wehr setzen? Mein „My-Home-is-my-Castle“-Gefühl hat deutlich Schaden genommen. Ich habe plötzlich wieder Angst, alles verlieren zu können.

Aber was soll ich nun tun? Will ich mir wirklich eine meterhohe Befestigungsanlage rund um mein Haus errichten, mich (emotional) so abschotten, dass niemand durchdringen kann? Wird das mein Sicherheitsgefühl stärken? Mit der Zeit erkenne ich, dass Angst in Ordnung ist und ich sie überwinden kann. So kommt es, dass auch heute die Hintertür noch offen steht. Auch das Quietschen haben wir noch einmal gehört, aber ich sage mir: Es ist bestimmt kein Einbrecher, sondern ein guter Troll, der nur nachschaut, ob wir für ein neues Familienmitglied bereit sind. Aber so ganz kann ich mich nicht belügen; jedes Quietschen trifft mich tief und rüttelt kräftig an meinem Fundament. Ich muss wohl üben auf wackeligem Boden zu bauen.

Wie haltet ihr es so? Ist bei euch Verhütung Pflicht, um mit dem aktiven Kinderwunsch richtig abschließen zu können? Oder könnt ihr auch mit einem Hintertürchen (sei es auch nur eingebildet) abschalten?

 

10 Kommentare

  • Antworten Dagmar 06.09.2018 um 18:32 Uhr

    Lieber Helge!
    Was für ein schöner Vergleich. Ich wünsche euch soooo, dass der Einbrecher nochmal kommt und direkt einzieht und bleibt.
    Begleite grade eine Freundin in der Phase und es ist schwer. Hab selber 2 gesunde Kinder,aber dennoch ziehen Tränen auf.
    Und das schon als Aussenstehende. Bei der Freundin und bei euch.
    Ich schicke euch positive Gedanken und drück weiter die Daumen!
    Herzlichst
    Dagmar

    • Antworten Helge 06.09.2018 um 21:05 Uhr

      Liebe Dagmar,
      Danke für deine lieben Gedanken. Dass du den Tränen nahe bist, zeigt doch, dass du sehr emphatisch bist. Deine Freundin ist dir sicher für deine Begleitung dankbar.
      Liebe Grüße, Helge

  • Antworten Patrizia 06.09.2018 um 20:37 Uhr

    Hallo Helge,
    schön mal wieder was zu lesen.

    Verhütung ist für uns kein Thema, da es bei meinem Mann ausgeschlossen ist. (er hat definitiv keine spermien ohne medikamente) also, somit ist er es der bei uns verhütet, wenn man(n) es genau betrachtet…

    Bis auf das wir das Glück haben durften, das die Kinderwunschbehandlung (ICSI) gelungen und wir eine gesunde Tochter haben. Und auch die Kryo ein gutes Jahr später klappte. Somit freuen wir uns auf ein Geschwisterchen…

    Dennoch, fragen wir uns immer wieder, warum uns dieses Glück zuteil wurde, und anderen nicht. Und wir stehen vor dem „Problem“ wieviele Kinder können wir uns (wollen wir uns) leisten. Denn, es sind immernoch 7 PN auf Eis…

    LG
    Patrizia

    • Antworten Helge 06.09.2018 um 21:02 Uhr

      Moin Patrizia, Gratulation zu eurem Familiennachwuchs. Ich bin sehr dankbar, dass ich mich über schöne Nachrichten wie deine freuen kann. Das war nicht immer so. Jetzt vergleiche ich meine Situation nicht mehr mit anderen. Auch wenn ich keine Kinder bekommen kann, dürfen andere sich natürlich trotzdem über ihre Kinder freuen. In diesem Sinne gönne ich dir die Möglichkeit über ein drittes (4., 5., …) Kind nachzudenken.
      Liebe Grüße,
      Helge

  • Antworten Claudia 07.09.2018 um 7:49 Uhr

    Lieber Helge,
    ja, auf wackeligem Boden bauen ist wohl eine Herausforderung. Hört sich aber besser an als die ewig große Mauer um euer Häuschen.
    Wir lassen auch die Verhütung weg. Aber, wir verhüten sozusagen indirekt, weil uns bzw mir de KiWu zeit beschert hat, dass ich gar nicht mehr gelöst an das thema sex herangehen kann. weil ich automatisch den kind-gedanken im kopf habe, gegen den ich nichts tun kann und mit dem gedanken kommen die ganzen gefühle: trauer, wut, was weiß ich. nun, das ist nicht zuträglich für entspannte stunden und so vermeide ich die situationen, was meiner beziehng nicht gut tut. Das ist ein Dilemma, aus dem wir noch nicht wissen, wie wir da wieder raus kommen.
    Was mich besonders freut für dich ist, dass du dich für andere freuen kannst und nicht vergleichst. Ich würde das gern können. Kast du beschreiben, wie du da hingekommen bist?
    LG
    Claudia

    • Antworten Helge 07.09.2018 um 10:26 Uhr

      Liebe Claudia,
      bei deinem Kommentar wird mir ganz mulmig. Sex war auch bei mir mit den Gefühlen verbunden, die du erwähnt hast, aber nicht so sehr, dass wir gar keinen Sex mehr hatten. Mit Entspannung im Alltag, etwas Zeit und Geduld kam dann auch im Bett wieder ein unbelastetes Gefühl zustande. Andernfalls hätte ich mir professionelle Hilfe gesucht. Die Situation ist doch schon blöd genug, da könnte wenigstens Sex für ein wenig Freude sorgen 😉
      Die Freude an dem Glück anderer ist mir natürlich in den Behandlungszeiträumen auch sehr schwer gefallen. Da hätte ich auch jeden Kinderwagen am liebsten mit Laserblicken pulverisiert. Umso länger die aktive Behandlung her war, wurde ich auch wieder entspannter und jetzt – zwei Jahre nach der letzten Behandlung – ist mein Umgang mit Schwangeren, Kinderwagen und Babys vollkommen entspannt.
      Die kleinen Stiche im Herzen fühle ich trotzdem noch, eine traurige Stimmung nimmt mich immer noch hin und wieder gefangen, aber ich komme gut mit den alltäglichen Situation mit anderen Eltern klar. Mein Leid ist mein Leid und hat mit dem Glück anderer nichts zu tun.
      Ich wünsche dir, dass du bald deinen Kopf wieder über Wasser halten kannst und dir vielleicht doch wieder Gedanken zum Thema „Verhütung: ja oder nein?“ machen musst 🙂
      Liebe Grüße, Helge

  • Antworten Léa 09.09.2018 um 23:35 Uhr

    Hallo Helge,
    ich mag deine Metapher sehr. Ich kann nur zustimmen: es ist sehr schwierig, sein Leben und seine Identität auf Ungewissheit zu bauen.
    Bei uns bleibt auch eine Tür offen. Alles andere würde ich als einen Verrat an unserem Traum empfinden.
    Ich wünsche euch, dass ihr mit dieser Ungewissheit besser leben könnt, und dass die wiederholte Trauer euch in Ruhe lassen wird. Vor Kurzem hatte ich Zweifel daran, ob ich vielleicht schwanger bin. Zuerst hatte ich den Eindruck, nicht mal erfreut darüber zu sein, weil ich mittlerweile mein kinderloses Leben ganz gut akzeptiert habe. Und doch, als sich herausstellte, dass ich doch nicht schwanger war, war ich trotzdem sehr enttäuscht.
    Ich bin eine „stille Leserin“ deines Blogs und möchte mich an dieser Stelle für deinen Beitrag zur Blogosphäre über Unfruchtbarkeit bedanken. Deine Artikel sprechen mir oft aus der Seele und ich finde es schön zu sehen, dass auch ein Mann darüber schreibt. Die Sendung auf Deutschlandfunk habe ich auch gerne gehört!
    Liebe Grüße,
    Léa

  • Antworten Gina 16.01.2019 um 19:45 Uhr

    Lieber Helge, dein Eintrag ist zwar schon was her aber trotzdem was dazu:
    Auch ich kann mich nur den Vorrednerinnen anschließen wie köstlich deine Metaphern sind 🙂

    Wir verhüten nicht, seit Jahren, da ich definitiv nicht schwanger werden kann. Bei uns ist es ähnlich, wir sind vor 2 Jahren weg gezogen von Familie und Freunden in Unser Zuhause, unserem Baby wo wir werkeln und uns zurückziehen können. Da aufgrund meiner Unfruchtbarkeit das Thema Kind nicht wirklich anstand haben wir doch viele Hobbys etc entwickelt und waren oft froh das wir weit von unseren Freunden uns Familien sind da das einzige Thema Nachwus war/ist. Nach 2 Jahren hier in der neuen Heimat bröckelt auch hier die Mauer, alle um uns herum werden schwanger und bekommen Kinder (liegt einfach daran das wir 32 und die Menschen um uns herum auch in etwa). Ich sehe zunehmen wie mein Partner leidet und wie er die Babys anschaut und die Mütter anhimmelt wenn die Väter erzählen wie toll die Frau die Geburt gemeistert hat und wie toll sie stillt…… Das zerreißt mir das Herz….. Ich glaube einfach das er so gerne Vater wäre und dazu auch noch ein echt guter!
    Jetzt sitzen wir wieder alleine in unserem schnuckelig Heim weil natürlich alle andere Sorgen haben als einen Abend mit gutem Essen und einem Wein/Bier mit uns zu verbringen und über die nächste Reise mit dem Camper zu quatschen…. Das aller aller schlimmste ist aber das alle „Neu Eltern“ anfangen uns traurig anzuschauen und zu bemitleiden…. Dabei haben wir nie behauptet einen Kinderwunsch zu haben. Scheinbar ist es die absolute Maxime junger Eltern das alle anderen einfach als unglücklich und unfertig abgestempelt werden. Leider glaube ich das ich ohne Vorbehalt keine Freundschaft zu Eltern pflegen kann. Schade!

    Vielen Dank Helge für die Einsicht in deine Gefühlswelt 🙂

    Beste Grüße

  • Antworten ONMA 06.03.2019 um 12:01 Uhr

    Ich genieße es wirklich, diesen Blog zu lesen. Danke.

    • Antworten Helge 07.03.2019 um 9:35 Uhr

      Vielen Dank für dein Feedback, das freut mich wirklich sehr.

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