Gesellschaftlich

Kinderlos glücklich?

25.09.2015
Helge ist kinderlos glücklich

Gerade komme ich von einer Radtour zurück, die ich mit meinem Bruder unternommen habe. Eine Woche sind wir durch Österreich, Slowenien und Italien, also einmal quer über die Alpen bis zum Mittelmeer gefahren. Unglaubliche Panoramen und gastfreundliche Almhütten waren der Lohn für völlig ungewohnte Anstrengungen. Den einen Morgen sind wir bei -3° Celsius aufs Rad gestiegen, eines anderen Abends konnten wir bis tief in die Nacht im T-Shirt Longdrinks genießen. Insgesamt durfte ich eine abwechslungsreiche Woche erleben und bin ganz selig über diese Erfahrungen.

Manchmal ist man so sehr am Strampeln, dass man gar nicht bemerkt, welche Freiheiten und Vorzüge die gewählte Route bietet. Mein Leben bestand noch vor wenigen Wochen aus Defiziten, weil ich mir ein Kind wünsche und es nicht bekommen kann. Ich erging mich im Selbstmitleid, habe nur auf die Schatten meines Alltags geschaut und die Chancen völlig aus dem Blick verloren. Während meiner Alpentour habe ich viel Zeit genutzt, um mich selbst anzuschauen.

Mit völligem Unverständnis muss ich nun den Kopf über meine vorher so eingefahrene und negative Einstellung schütteln. Es gibt unglaublich viele Glücksmomente, die für ein erfülltes Leben ausreichend sind. Man sollte sie nur aufheben, blank putzen und sorgsam bewahren. Von einigen dieser wundervollen Momente möchte ich euch mal erzählen.

Schon unser Alltag ist so harmonisch, dass ich mich längst in ihn verliebt habe. Am Wochenende sind Brötchen vom besten Bäcker der Stadt bestellt, VIPmäßig gehe ich an der gesamten Schlange vorbei und greife mir die Helge/Rieke-Tüte, um ein stundenlanges Frühstück anzuschließen. Der Kaffee wird selbstgemahlen, die Zeitung ausgiebig studiert, wichtige Themen mit meiner Frau diskutiert, bei Bedarf auch eine kleine Knutscherei zwischengeschoben. Wenn das Wetter passt fahren wir danach mit unserem roten Bulli an den Strand, besuchen Freunde, backen Kuchen, schlendern mit einem Kaffee in der Hand durch die Stadt, gehen im neueröffneten Restaurant essen – kurz: lassen es uns richtig gut gehen!

Da aber das noch nicht genug ist, haben wir mittlerweile eine riesige Kiste voll Erinnerungen an unsere Paten- und Freundeskinder. Wenn wir unsere Freunde mit Kindern besuchen, werden wir immer mit „Mama, Papa, Rieke und Helge sind da!!“ oder alternativ „JUHUUUU“ empfangen. Die Begegnungen mit den kleinen Zwergen sind so herzerwärmend, dass wir kaum genug davon bekommen können. Die Eltern schenken uns viel Vertrauen. Wir können die Kinder einpacken, mit ihnen losziehen, sie wickeln, schwimmen gehen, sie ins Bett bringen oder einfach nur mit ihnen toben. Wir sind die #PANKs (Professional Aunt No Kids – leider wird wieder nur von Aunts und nicht von Uncles gesprochen), die den Kindern Aufmerksamkeit, Ruhe und ungestraft (wie sonst nur Oma und Opa) Süßigkeiten geben können. Wir können effektive Entlastung für die Eltern bedeuten, für die Kinder wichtige Vertrauenspersonen sein und nebenbei jede Sekunde in uns aufsaugen und dem Leben dankbar sein. Allein beim Schreiben diesen Zeilen läuft mir eine Gänsehaut über die Arme, weil mir die vielen wundervollen Momente in den Sinn kommen, in denen wir z.B. die Ersten sein durften, die Eltern und Kind nach der Geburt besuchen durften. Noch vor den eigenen (Groß-)Eltern wurde uns das neugeborene Baby vorgestellt und in die Arme gedrückt. Unfucking fassbar.

Warum mache ich mir Sorgen? In mir wächst die Erkenntnis, dass das Leben lebenswert, erfüllend und unglaublich schön sein kann, auch wenn wir kein eigenes Kind auf die Welt bringen können. Natürlich möchte ich nicht auf die Kirsche auf der Sahne verzichten, aber das Eis und die Sahne sind ebenfalls extrem köstlich. Also Leute: Ran an die Kalorien eures Lebens! Ich suche mir jetzt jedenfalls erstmal eine riesengroße Tafel Schokolade.

 

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