Gesellschaftlich

Kinderwunsch ist nicht nur weiblich

16.06.2015
Kinderwunsch unterstützen

Der unerfüllte Kinderwunsch stellt an Männer und Frauen unterschiedliche Herausforderungen. Die Frauen müssen während einer Behandlung bei einer Vielzahl von Ursachen selber auf den gynäkologischen Stuhl, Frauen spüren die Auswirkungen von Hormonen sprichwörtlich mit Haut und Haar, Frauen wissen zuerst, dass sich eine Schwangerschaft anbahnt und Frauen müssen Fehlgeburten am eigenen Leib ertragen.

Für die Männer bleibt dabei nur ein kleiner Bereich, in dem sie überhaupt aktiv werden können. In meinem Fall ist die Aktivität auf ein lustiges „Mütze auf, Mütze runter“-Spiel in einem Raum mit Kunstledersofa, Fernseher und ein paar Ausgaben „Playboy“ beschränkt. Ansonsten bin ich nur in der Reaktion. Und, meine lieben Frauen, das ist nicht einfach. Ich habe den Anspruch unseren gemeinsamen Kinderwunsch mitzugestalten. Ich möchte ebenfalls die Lasten tragen, mir mit Rieke die Schmerzen teilen, die notwendigen Entscheidungen treffen und alles hautnah spüren. Aber oft finde ich mich in einer passiven Rolle wieder. Das hat natürlich auch seinen Grund.

Eine Schwangerschaft spielt sich nun mal maßgeblich im Körper der Frau ab. Es ist mir schlicht nicht möglich, das leise Ziehen und Zwacken vor einem Eisprung zu spüren. Auch kenne ich die Schmerzen eines PMS nicht aus eigener Erfahrung. Naja, Rieke hat mir mal ähnliche Schmerzen zu Demonstrationszwecken zugefügt… Die Hormone werden ebenfalls nur an Rieke gegeben und sie hat mit Haarausfall, Hautirritationen und Stimmungsschwankungen zu kämpfen. Ich hingegen bin nur zum Zuschauen verdammt.

Wie kann ich also beim Kinderwunsch helfen

Um nicht nur dumm daneben zu stehen, habe ich mir also überlegt, was ich tun kann. Und da sind mir so einige Dinge eingefallen.

  1. Damit Rieke nicht ganz alleine die Hürden der Kinderwunsch-Behandlung nehmen muss, rede ich viel mit ihr. Die gemeinsamen Gespräche fallen mir zwar nicht immer leicht, aber sie sind immens wichtig. Der psychologische Faktor ist von entscheidender Bedeutung. Nicht ohne Grund sagt man ja: „Entspannt euch, dann klappt das schon“, auch wenn ich den Sinn eines solchen Ratschlages mal unkommentiert stehen lasse. Bei einer Kinderwunsch-Behandlung ist der psychische Stress aber ein echtes Handikap. Dort setze ich an. Ich versuche Stress zu vermeiden, versuche Hoffnung zu spenden, stelle schöne Momente in den Vordergrund und verarbeite negative Erfahrungen mit ihr gemeinsam. Das Gefühl, mit dem Kinderwunsch allein zu sein, kann sehr verstörend sein. Schon als Paar ist es schwer, wenn man keine „Leidensgefährten“ kennt. Wie ist es dann erst für eine einzelne Person, wenn sie keinen Partner hat, mit dem sie sich austauschen kann?!
  2. Wenn Rieke wieder von Schmerzen und Verzweiflung geplagt wird, schließe ich sie in meine Arme und biete ihr eine Schulter, an der sie sich anlehnen kann.
  3. Wenn ihre Hormone sich wieder wie lila Minions anfühlen, dann ertrage ich ihre Launen und gleiche sie ein wenig aus, ohne mich genervt in die nächste Fußball-Kneipe zu verdrücken.
  4. Um für etwas Entlastung zu sorgen, versuche ich den Haushalt an allen möglichen Ecken zu übernehmen und ihr Ruhephasen einzuräumen. Zugegeben, hier ist noch Luft nach oben.
  5. Alle terminlichen Absprachen mit der Kinderwunsch-Klinik regele ich für sie.
  6. Ich zeige ihr meine uneingeschränkte Liebe. Denn sie kann NICHTS dafür, dass wir kein Kind bekommen können. Diesen Schuh, möchte ich, soll sie sich nie anziehen. Niemals! Meine Liebe zu ihr ist stärker als alles, was uns die Kinderwunsch-Behandlung abverlangt. Sie ist mir wichtiger, als der Wunsch nach einem Kind. Wäre es anders, würde der Kinderwunsch zu einem animalischen Drang nach Fortpflanzung degradiert. Und mal ehrlich, diesen Status haben wir doch schon hinter uns gelassen, oder?

Ihr seht, es gibt auch für die Männer einiges, was es zu tun gilt. Sei es nur die eigene Einstellung zur gemeinsamen Beziehung. Leider bleiben wir Männer dennoch immer ein bisschen außen vor.

 

13 Kommentare

  • Antworten J.B. 17.06.2015 um 10:05 Uhr

    Hmm. Kannst du dich mal mit meinem Mann unterhalten? *g*

    Bei uns ist es so, dass er von alledem nichts wissen möchte. Er geht mit in die KiWu wenn er eben mit muss – sprich am Tag der Punktion. Ansonsten… – „Lass mich damit in Ruhe…“

    Naja. So isser halt.

    Trotzdem hast du mich in manchen Dingen zum Nachdenken gebracht. Weil vielleicht „grenze“ ich ihn ab und an auch unbeabsichtigt aus. Also, so ganz vielleicht eventuell 😉

    Dankeschön dafür!

    LG

    • Antworten Helge 17.06.2015 um 18:26 Uhr

      Hmm… Es hat schon seinen Grund, weshalb ich nur weibliche Kommentare und fast nur weibliche Follower (mit Ausnahme von @azoospermie_kw, @herrpfarrfrau und @elmarbreitbach) habe. Die meisten Männer entwickeln erst spät einen Kinderwunsch und haben dann oftmals mit Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen. Eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik erfolgt nur sehr selten. Übrigens auch ein Grund, weshalb ich hier versuchen möchte, Aufklärung zu betreiben.

      Ich fühle mich geehrt, dass Dich mein Beitrag zum Nachdenken anregt. Mir selber war der Kinderwunsch auch erst zu abstrakt. Klar, Kinder will ich haben, aber… später geht’s doch auch noch…
      Es hat ein bisschen gedauert, bis ich überhaupt die Sachlage begriffen habe. Seit dem Zeitpunkt konnte ich es nicht mehr ertragen, Rieke damit allein zu lassen. Da mag jeder anders sein, aber ich denke, etwas Anschub ist bei uns Männern schon notwendig.

      Wann haben wir uns denn schon mit weiblichen Zyklen, Zervixschleim oder Progesteron beschäftigt?! Wir verspritzen unseren Samen und gucken dann mal, was draus wird (mal etwas überspitzt). Der Kinderwunsch führt uns in eine Welt, in der wir uns wie in der Grundschule, ach quatsch, wie in der KiTa fühlen. Und dann noch all die ganzen Abkürzungen…

      Sprich: Nehmt etwas Rücksicht, dann können wir euch auch verstehen, helfen und aktiv begleiten.

      Das gilt jetzt natürlich nur für mich, aber vielleicht lässt es sich auch auf andere Männer übertragen 😉

      Liebe Grüße!

    • Antworten Helge 17.06.2015 um 18:34 Uhr

      Ach, und klar unterhalte ich mich mal mit Deinem Mann. Schicke ihn doch mal auf diese Seite 😉

  • Antworten J.B. 18.06.2015 um 11:23 Uhr

    😀

    Stimmt. Ihn auf deine Seite schicken wäre tatsächlich eine Idee. Eine sehr gute sogar. Aber wahrscheinlich hätte ich dann erstmal eine Dreitägige Diskussion am Hals wieso er jetzt auch noch im Internet über dieses leidige Thema nachlesen muss… Naja. So issa halt, wa?!

    Ich weiß. Viele Abkürzungen, viel Medizin und noch mehr Termine. Aber wir Frauen, ich auf jeden Fall, wissen mit Begriffen wie ICSI, IVF und Pipapo auch erstmal nix anzufangen 😉

    Ich habe das Gefühl, zumindest bei meinem Mann, wenn es zu viel wird lieber mal den Schwanz einziehen als sich damit zu beschäftigen. Ist ja auch ne Methode.

    Naja. Männer sind anders. Und Frauen auch 😉

    • Antworten Helge 18.06.2015 um 11:36 Uhr

      Wenn Du ihn auf diese Seite schickst, kannst Du mir ja vorher Bescheid sagen. Dann lösche ich Deine letzten Kommentare lieber 😉

      • Antworten Babyplanundmann 10.07.2015 um 7:57 Uhr

        Hallo Helge,

        du findest mich sowohl mit meinem eigenen Block als auch uf Twitter.

  • Antworten Babyplanundmann 29.06.2015 um 13:47 Uhr

    Hallo Helge,

    super das du auch über das Thema bloggst. Ich bin in der gleichen Situation wie du. Ich würde gerne viel mehr meiner Frau bei dem ganzen Prozedere abnehmen aber leider haben wir nur einen sehr kleinen Part.

    Vielleicht können wir in einen Austausch gehen.

    Gruß
    Mat

    • Antworten Helge 07.07.2015 um 22:50 Uhr

      Hallo Mat! Sehr gerne.
      Finde ich dich auf Twitter oder mit einem eigenem Blog im Netz?
      Gruß, Helge

  • Antworten Babyplanundmann 29.06.2015 um 20:21 Uhr

    Hallo Helge

    Ich kann deine Worte gut nachvollziehen. Ich kenne deine Gedanken aus eigener Erfahrung sehr gut.

    Gruß babyplanundmann

  • Antworten Nina 30.06.2015 um 13:32 Uhr

    Allen Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch gilt mein volles Mitgefühl. Ich hoffe stets, es gibt am Ende doch einen Weg.
    bei uns war das Thema anderweitig präsent: ich wollte nach 3 Kindern kein weiteres mehr bekommen, aber mein Mann hätte gerne noch weitere Kinder gehabt.

    Alles Liebe
    Nina

    • Antworten Helge 09.08.2015 um 18:27 Uhr

      Danke für dein Mitgefühl!
      Liebe Grüße
      Helge

  • Antworten sonne 10.08.2015 um 9:19 Uhr

    Helge,
    dein Blog tut so gut!

    Ich wundere mich immer, dass so wenige Männer über ihre Rolle in der Kinderwunschzeit bloggen, im Vergleich zu der Flut an Frauen, die sich im Netz austauschen und sich so manches von der Seele schreiben.
    Mir erscheint es nämlich naheliegend, dass es gerade für den Part des Paares wichtig ist, dessen Rolle du so gut beschreibst, auch außerhalb der Partnerschaft darüber sprechen zu können – in einem Rahmen, in dem es mal vorrangig um die eigenen Gefühle geht.

    Ich selbst bin vielleicht in einer etwas anderen Position, denn ich bin selbst eine Frau (einer Frau) mit Kinderwunsch.
    Weil ich die 10 Jahre Jüngere von uns beiden bin, versuchen wir es seit einem Jahr zunächst mit meiner Frau und haben den dritten ICSI-Versuch hinter uns.
    Anders ist es vielleicht (abgesehen davon, dass sowieso jedes Paar und jede Kinderwunschgeschichte anders und ganz besonders ist), weil ich später hoffentlich selbst in der Situation derer sein werde, die die Hormonbehandlungen bekommt.
    Aber für meine jetzige Situation kann ich mich emotional sehr in dem wiederfinden, was du beschreibst.
    Manchmal denke ich mir – ich bin sonst eine Macherin und jetzt kann ich nichts tun – ich bin irgendwie hilflos und zum Zusehen verdammt und würde am liebsten wenigstens auch einen Teil der Schmerzen tragen. Das kommt mir dann leichter vor, als der Partnerin beim Ertragen zuzusehen.
    Ich nehme mich selbst und meine Gefühle oft zurück, weil ich denke, dass meine Frau noch mehr leidet – oder zumindest anders intensiv. Weil sie etwas spürt und etwas in ihr vorgeht, was ich nur über viele Gespräche und bewusstes Einfühlen ganz nah mitbekommen kann. Und meist bleibt ein kleines bisschen Distanz dazu – was ja vielleicht auch nicht schlecht ist.
    Aber auch wir, die wir die Eier nicht produzieren oder die Hormone nicht schlucken, wir setzen uns, unsere Person und unsere Beziehung genauso ein für den einen gemeinsamen Wunsch.

    Ich wünsche dir und deiner Rieke alles alles Gute und begleite weiter deinen Blog, den ich extrem wichtig finde:
    als Ermutigung für Viele, sich auch als Mann auseinanderzusetzen und auf ihre eigenen Gefühle sorgsam zu achten und sich wichtig zu nehmen im positiven Sinne. Es scheint oft zu leicht und gefährlich, sich in der begleitenden Rolle immer auf Distanz zu halten, für die Partnerin oder aus Angst vor den eigenen Gefühlen und Wünschen zurückzustecken.

    Nach einem Jahr KiWu-Behandlung sind wir in einem Pausenzyklus dabei, die Rollen von meiner Frau und mir in dem Jahr zu reflektieren, um bewusst weiterzugehen.
    Ich glaube, es ist immer wieder angebracht und in meinem Part auch leichter, als in der Position der stimulierenden Frau, für den Partner mit stark zu sein und dafür auch etwas Distanz und kühlen Kopf zu bewahren, aber es gilt nicht, den Starken zu spielen immer, gegenüber jedem Menschen nach außen und in jeder Situation und auch nicht der Partnerin gegenüber.
    Ich empfinde diese Gradwanderung für mich als große Herausforderung, aber auch als Geschenk, an dem ich lernen kann.

    • Antworten Helge 10.08.2015 um 9:39 Uhr

      Liebe Sonne!
      Dein Kommentar/Artikel freut mich sehr, spornt mich an und schmeichelt mir. Schon beim Lesen lief mir eine Gänsehaut über den Rücken, denn du schilderst so viele mir bekannte Gedanken und Herausforderungen.

      So unterschiedlich die Kinderwunschzeiten bei den Paaren verlaufen, so ähnlich sind doch die Emotionen, der Frust, die Hoffnung, oder findest du nicht?

      Gerne würde ich häufiger von dir und eurem Weg hören!

      Alles Liebe,
      Helge

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