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Leinen los und Kurs auf ICSI setzen

24.01.2016
Helge nimmt mit der MS Kiwu Kurs auf ICSI

Unser Beziehungsschiff wurde frisch abgedichtet, wir haben unsere Altlasten gelöscht, haben abgelegt und den sicheren Hafen der Behandlungspause hinter uns gelassen. Die Strömungen der Gezeiten beginnen langsam an den Planken unseres Bootes zu zerren und wir sind den Wogen der Kinderwunschmeere schutzlos ausgeliefert. Doch unser Schiff segelt sicher dahin und die Mannschaft hat die Taue fest im Griff.

Aber beginnen wir weiter vorne und lassen mal das Seemannsgarn weg.

Am 23. Oktober ist klar, auch die 4. IUI bleibt erfolglos und somit wird der weitere Weg über eine ICSI gehen. Brrr, mir hat immer davor gegraut, da ich meine Frau und ihre Sensibilität auf Hormonbehandlungen kenne. Gut ist wenigstens, dass wir die Zeit bis Anfang 2016 aus vielerlei Gründen nicht nutzen können und Zeit haben, uns wieder neu aufzustellen. Hinzukommt, dass die letzten Wochen des Jahres bei mir beruflich immer extrem intensiv sind. Mir bleibt keine Zeit zum Nachdenken und eine Behandlung in diesem Zeitraum hätte mich nur noch zusätzlich gestresst.

So kommt es, dass ich völlig erledigt aber glücklich ins Weihnachtsfest taumle. Der 24. Dezember ist dankenswerterweise nur Rieke und mir vorbehalten und entwickelt sich zum entspanntesten Heilig Abend seit einer gefühlten Ewigkeit. Die folgenden Feiertage beehren wir sämtliche Zweige meiner Patchwork-Familie – nicht ganz so entspannt – bevor wir dann endlich zu meinen Schwiegereltern nach Schweden fahren. Dort liegt Schnee, echter Schnee – zum damaligen Zeitpunkt aus deutscher Sicht völlig unglaublich. Wir sind, von 10° C auf -4° C abgekühlt, völlig von den idyllischen Wäldern Schwedens verzaubert und können in dieser Kulisse die typischen Wintererkrankungen des Körpers und der Seele in aller Ruhe auskurieren. Die Gelassenheit, die wir über den Jahreswechsel und den Beginn des Jahres gewonnen haben, schwabt mit in unsere erste ICSI-Behandlung.

Das hört sich vielleicht nach einer ausgeklügelten Strategie an, aber eigentlich ist mal wieder alles nur vom Kinderwunsch-Zufall bestimmt. Vielleicht sorgt auch unsere geringe Erwartungshaltung dafür, dass wir gelassener mit den ganzen Spritzen und Terminen umgehen, als wir es uns ausgemalt haben. Wie dem auch sei, diese Ruhe und Gelassenheit ist überaus angenehm und wir begegnen den Urgewalten der Kinderwunsch-Behandlung bisher eher staunend, statt zitternd.

Leider haben wir aber auch auf diesem Törn nicht permanent gutes Wetter und seichte See. Die Nebenwirkungen der Eierstock-Stimulation schlagen urplötzlich von einer lauen Brise in einen ausgewachsenen Orkan um. Rieke kann sich eines Abends (es ist der 12. Zyklustag) kaum mehr bewegen, hat ein fiebriges Gefühl, der Unterleib schmerzt heftig und ihr Kreislauf säuft ab. Doch die Nacht kann das Meer beruhigen. Gleiches ereignet sich auch am folgenden Abend. Die Schmerzen sind schlimm, ihr Bauch ist geschwollen und ihr Unterleib glüht förmlich. Die Ärztin diagnostizierte bereits eine leichte Überstimulation. Mich verwirrt das Ganze. Müssen wir ins Krankenhaus? Doch ich vertraue auf mein Bauchgefühl, denn der verhält sich als einziger noch normal, und harre mit Rieke bis zum folgenden Tag (der 14. Zyklustag) aus – wobei Rieke die Nacht im Gegensatz zu mir zum Schlafen nutzt. An diesem Tag ist die Follikelpunktion, also die Eizellentnahme, und die Befruchtung vorgesehen und die Schmerzen haben sich über Nacht wieder gelegt.

Ich fahre meine immer noch völlig tiefenentspannte Rieke zur Klinik, begleite sie in ihren Vorbereitungsraum und stelle dort fest, dass ich aufgeregter bin als sie. Diese Frau ist dermaßen cool, unglaublich. Kaum hat Rieke sich in Klinik-Chic gehüllt und ich ein paar Fotos von meiner Grimassen schneidenden, verrückten Frau gemacht, darf ich nur noch kurz winken und muss den Raum verlassen. Nun bleibt mir nur noch eines zu tun, also begebe ich mich ins chambre du plaisir (oder auch: room of sperm). Keine 20 Minuten später kann Rieke wieder lachen und unsere Ärztin erklärt uns, dass sie 15 Eizellen gewinnen konnte.

Nicht schlecht, denke ich. Doch unauffällig kontrolliere ich, ob der Mast noch stabil steht und die Taue gut verknotet sind. Sieht gut aus, also:

Aye captain, der Kurs wird beibehalten!

2 Kommentare

  • Antworten Pixie 11.02.2016 um 10:46 Uhr

    Das hast Du so schön geschrieben! <3

    • Antworten Helge 14.02.2016 um 14:49 Uhr

      Vielen Dank, Pixie. Es freut mich sehr, dass es dir gefallen hat.

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