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Leise Tränen

23.03.2015
Helge weint leise Tränen

Aber – genauso ist es gekommen. Rieke hat schon einen Tag vor der obligatorischen Blutanalyse in der Kinderwunsch-Klinik die eindeutigen Anzeichen ihres Körpers wahrgenommen. Sie ist sich sicher, dass es wieder nicht geklappt hat. Es gibt zwei Gründe, weshalb es mich stört, dass sie es mir noch vor der Auswertung der Blutprobe gesagt hat:

  1. Ich habe mich auf einen weiteren Tag der Hoffnung eingestellt und befand mich auf einer leichten Woge der Euphorie. Auch, weil Rieke noch am Vortag sich nicht sicher war. Nun ist die Spannung dahin.
  2. Es hat nicht geklappt. Es hat nicht geklappt. Es hat nicht… naja, ich wiederhole mich.

Beim ersten IUI-Versuch waren die Voraussetzungen etwas ungünstig, den Eisprung haben wir leicht verpasst und irgendwie war die gesamte Stimmung nicht so hoffnungsfroh. Bei diesem Versuch hingegen, hat alles gepasst. Solch optimalen Bedingungen wieder herzustellen wird schwer. Aus diesem Grund ist es für mich vollkommen anders, wenn bei diesem Mal die Ärztin verkündet, dass die Behandlung ohne Erfolg geblieben ist. Mir wird klar, dass wir mit der IUI wohl kaum ein neues Leben werden empfangen dürfen. Das schmerzt.

Ich muss gestehen, es trifft mich diesmal sehr. Die Tränen schießen mir leichter in die Augen, auch wenn ich mir – ich bin ja schließlich ein MANN – niemals solche Gefühlsduseleien erlauben würde. Ich halte nicht viel von dieser „männlichen“ Gefühlskargheit, aber ich bin dennoch davon betroffen. Gefühle zu zeigen fällt mir schwer – wahrscheinlich habe ich auch Angst davor, sie könnten mich ins Bodenlose mitreißen. Die Gedanken, dass sich nun nach und nach alle Möglichkeiten1 auf ein eigenes Kind ausschließen, nagt an mir.

Wir werden zwar noch einen Versuch wagen, der IUI eine weitere Chance einräumen und noch ein weiteres Mal all unsere Hoffnung zusammenkratzen. Was danach kommt, kommt danach.
Ich muss mich davon lösen, immer in der Zukunft nach Rettungsringen zu suchen und meine Konzentration auf das Hier und Jetzt legen. Wenn ich dabei vom Gefühlschaos mitgerissen werde, dann habe ich wenigstens eine Chance die Erlebnisse zu verarbeiten. Andernfalls riskiere ich, dass ich die Gefühle abspalte und zu völlig anderen Zeitpunkten erneut mit meinen Dämonen konfrontiert werde. Diese Erkenntnis kommt übrigens nicht nur von mir, sondern wurde mir mit steten Schlägen auf den Hinterkopf von Rieke eingetrichtert. Das klingt jetzt so, als würde sie mich damit steuern. Ich finde aber, die Hinweise können von anderen gegeben werden, die Erkenntnis, dass sie gut sind, kommt dann immer noch aus einem selber.

In diesem Sinne, so glaube ich: Hier und Jetzt! Die Flucht – ob nach vorne oder hinten – ist keine Lösung. Nicht auf Dauer.

 

1 Alle Möglichkeiten, die für uns in Betracht kommen. Wir wollen uns nicht an allem, was die Welt zu bieten hat, ausprobieren, sondern eine klare, schon vorab getroffene Auswahl an Behandlungsformen „abarbeiten“.

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