Gesellschaftlich

Kinderwunsch ist nicht nur weiblich

16.06.2015
Kinderwunsch unterstützen

Der unerfüllte Kinderwunsch stellt an Männer und Frauen unterschiedliche Herausforderungen. Die Frauen müssen während einer Behandlung bei einer Vielzahl von Ursachen selber auf den gynäkologischen Stuhl, Frauen spüren die Auswirkungen von Hormonen sprichwörtlich mit Haut und Haar, Frauen wissen zuerst, dass sich eine Schwangerschaft anbahnt und Frauen müssen Fehlgeburten am eigenen Leib ertragen.

Für die Männer bleibt dabei nur ein kleiner Bereich, in dem sie überhaupt aktiv werden können. In meinem Fall ist die Aktivität auf ein lustiges „Mütze auf, Mütze runter“-Spiel in einem Raum mit Kunstledersofa, Fernseher und ein paar Ausgaben „Playboy“ beschränkt. Ansonsten bin ich nur in der Reaktion. Und, meine lieben Frauen, das ist nicht einfach. Ich habe den Anspruch unseren gemeinsamen Kinderwunsch mitzugestalten. Ich möchte ebenfalls die Lasten tragen, mir mit Rieke die Schmerzen teilen, die notwendigen Entscheidungen treffen und alles hautnah spüren. Aber oft finde ich mich in einer passiven Rolle wieder. Das hat natürlich auch seinen Grund.

Eine Schwangerschaft spielt sich nun mal maßgeblich im Körper der Frau ab. Es ist mir schlicht nicht möglich, das leise Ziehen und Zwacken vor einem Eisprung zu spüren. Auch kenne ich die Schmerzen eines PMS nicht aus eigener Erfahrung. Naja, Rieke hat mir mal ähnliche Schmerzen zu Demonstrationszwecken zugefügt… Die Hormone werden ebenfalls nur an Rieke gegeben und sie hat mit Haarausfall, Hautirritationen und Stimmungsschwankungen zu kämpfen. Ich hingegen bin nur zum Zuschauen verdammt.

Wie kann ich also beim Kinderwunsch helfen

Um nicht nur dumm daneben zu stehen, habe ich mir also überlegt, was ich tun kann. Und da sind mir so einige Dinge eingefallen.

  1. Damit Rieke nicht ganz alleine die Hürden der Kinderwunsch-Behandlung nehmen muss, rede ich viel mit ihr. Die gemeinsamen Gespräche fallen mir zwar nicht immer leicht, aber sie sind immens wichtig. Der psychologische Faktor ist von entscheidender Bedeutung. Nicht ohne Grund sagt man ja: „Entspannt euch, dann klappt das schon“, auch wenn ich den Sinn eines solchen Ratschlages mal unkommentiert stehen lasse. Bei einer Kinderwunsch-Behandlung ist der psychische Stress aber ein echtes Handikap. Dort setze ich an. Ich versuche Stress zu vermeiden, versuche Hoffnung zu spenden, stelle schöne Momente in den Vordergrund und verarbeite negative Erfahrungen mit ihr gemeinsam. Das Gefühl, mit dem Kinderwunsch allein zu sein, kann sehr verstörend sein. Schon als Paar ist es schwer, wenn man keine „Leidensgefährten“ kennt. Wie ist es dann erst für eine einzelne Person, wenn sie keinen Partner hat, mit dem sie sich austauschen kann?!
  2. Wenn Rieke wieder von Schmerzen und Verzweiflung geplagt wird, schließe ich sie in meine Arme und biete ihr eine Schulter, an der sie sich anlehnen kann.
  3. Wenn ihre Hormone sich wieder wie lila Minions anfühlen, dann ertrage ich ihre Launen und gleiche sie ein wenig aus, ohne mich genervt in die nächste Fußball-Kneipe zu verdrücken.
  4. Um für etwas Entlastung zu sorgen, versuche ich den Haushalt an allen möglichen Ecken zu übernehmen und ihr Ruhephasen einzuräumen. Zugegeben, hier ist noch Luft nach oben.
  5. Alle terminlichen Absprachen mit der Kinderwunsch-Klinik regele ich für sie.
  6. Ich zeige ihr meine uneingeschränkte Liebe. Denn sie kann NICHTS dafür, dass wir kein Kind bekommen können. Diesen Schuh, möchte ich, soll sie sich nie anziehen. Niemals! Meine Liebe zu ihr ist stärker als alles, was uns die Kinderwunsch-Behandlung abverlangt. Sie ist mir wichtiger, als der Wunsch nach einem Kind. Wäre es anders, würde der Kinderwunsch zu einem animalischen Drang nach Fortpflanzung degradiert. Und mal ehrlich, diesen Status haben wir doch schon hinter uns gelassen, oder?

Ihr seht, es gibt auch für die Männer einiges, was es zu tun gilt. Sei es nur die eigene Einstellung zur gemeinsamen Beziehung. Leider bleiben wir Männer dennoch immer ein bisschen außen vor.

Helge wird wieder Herzensvater

29.05.2015

Viele müssen ihre Erfahrungen mit Fehlgeburten machen – leider. In meinem direkten Umfeld sind gefühlte 50% aller Frauen von dieser traurigen Erfahrung betroffen, dabei liegt die tatsächliche Quote niedriger. In Dänemark wurde eine Studie von 1978-1992 durchgeführt, wonach die Fehlgeburts-/Abbruchquote bei den 30-34 jährigen Frauen bei 33% liegt (siehe Datenblatt).

In meinem letzten Beitrag Ein wilder Mann im letzten Satz habe ich ziemlich unsanft von unserem Abgang berichtet. Seit dem sind nun 24 Tage vergangen. Und die hatten es in sich.

Rieke ruft mich vor 24 Tagen ins Bad, ich kann ihre Tränen bereits fließen sehen und weiß augenblicklich, was passiert ist. Ich bin von Haus aus aber eher optimistisch, daher will ich erstmal wissen, was los ist, um Rieke vielleicht beruhigen zu können.

Schmierblutungen treten häufig auf. Das kann mal passieren. Mach dir keine Sorgen.

Doch schnell begreife ich, dass sich hier nichts beruhigendes mehr sagen lässt. Die wohlige Wärme, die Euphorie und alle anderen Gefühle sich mit dieser frühen Schwangerschaft entwickelt haben verschwinden sprichwörtlich im Strudel der Toilettenspülung. Stattdessen werde ich von einer Trauer übermannt, die mir die Beine wegzuziehen versucht. Es ist bereits spät am Abend und wir legen uns ins Bett. Wir weinen, schluchzen und halten uns fest in den Armen bis der Schlaf uns nach einer Ewigkeit erlöst.

Tag 1

Am nächsten Tag gehen wir beide zur Arbeit! Warum? Zum Einen unterschätze ich wahrscheinlich die Auswirkungen und zum Anderen will ich Ablenkung! Es stellt sich raus, die Idee ist nicht besonders gut. Ich muss direkt in eine 2-stündige Besprechung mit meinen Kollegen und im Anschluss finde ich mich in einer 2-stündigen Videokonferenz wieder, die meine Nerven – auch ohne mein Privatleben – sehr beansprucht. Mir gelingt kaum ein Lächeln, jeglicher Smalltalk mit mir ist zum Scheitern verurteilt und meine Toleranzstufe ist gleich null. Mein Chef, der im Allgemeinen von meiner Situation weiß, fragt mich im Anschluss, welche Laus mir denn über die Leber gelaufen ist. Ich erkenne, dass es wenig Sinn hat, meine Kollegen und Geschäftspartner anzuschnauzen und erzähle ihm von meinem Leid. Er schickt mich daraufhin nach Hause, wo Rieke bereits auf mich wartet. Ich besorge uns schnell zwei Eis, hole sie aus der dunklen Wohnung und fahre mit ihr in den Wald. Dort spazieren wir stundenlang durch die Natur, schweigen, reden, schweigen, weinen und schütteln die Ohnmacht der Trauer von unseren Schultern. Danach bestellen wir uns das fettigste, ungesündeste Frustessen, das wir finden können und verbringen den Abend vor dem Fernseher. Wir haben das Gefühl, die Situation gut meistern zu können.

Tag 2

Pustekuchen. Schon im Bus zur Arbeit rollen mir die Tränen über die Wangen und ich habe Mühe meinen „Mitpendlern“ nicht lautstark die Ohren vollzuheulen. Glücklicherweise kann ich meine Arbeitszeit frei einteilen und wieder früher Feierabend machen. Ich fürchte bereits, dass mich diese Fehlgeburt nicht so schnell loslassen wird. Es ist irgendwie alles anders. Rieke und ich haben kein Bedürfnis mit anderen zu sprechen und auch, als wir es dann doch tun (Tage später) merken wir, dass es uns nicht weiterbringt. Die Anteilnahme ist zwar irgendwo schön, aber kaum jemand ist in der Lage adäquat zu reagieren – was ich wiederum auch verstehen kann.

Ein Tipp an alle, die von Freunden mit deren Fehlgeburt konfrontiert werden:

Zeigt euch gerne betroffen, verfallt aber bitte nicht in Mitleid! Ernsthaftes Interesse wie es dem gegenüber geht und Fragen nach dem was passiert ist, helfen viel mehr.

Das Gefühl, man belastet die eigenen Freunde und Verwandten, indem man vom eigenen Leid erzählt, macht die Sache schlimmer, als sie vorab schon war. Wenn man jedoch auf neutrale Gegenfragen stößt, bekommt man die Möglichkeit selber das Erlebte zu strukturieren und zu verarbeiten.

Die nächsten Tage

Wir beginnen uns also einzuigeln, wollen niemanden sehen, niemanden sprechen, ich fühle mich einfach nur leer. Wir sind füreinander da und sprechen über unsere Gefühle. Rieke versucht diesmal eher ihre Gefühle beiseite zu schieben, wohingegen ich alles so nehme, wie es kommt. Das Gefühl, ein ganz bestimmtes Kind verloren zu haben ist merkwürdigerweise nicht so vordergründig, sondern eher der Verlust einer Chance auf ein Leben mit eigenen Kindern.

Jetzt, 24 Tage später, befinde ich mich in einer Phase der Lustlosigkeit und Motivationsarmut – eigentlich einer Phase der Depression. Ich mache mir zwar keine Sorgen, aber will doch sehen, dass ich mich entweder bald erhole oder Hilfe konsultiere.

Rückblick

Es ist unsere zweite Fehlgeburt. Wobei, das habe ich erst heute gelernt, die erste Schwangerschaft als eine biochemische Schwangerschaft angesehen und nur die letzte als eine klinische Schwangerschaft gewertet wird. Der Verlauf ist der Fehlgeburt von vor zwei Jahren sehr ähnlich, aber diesmal hat die Frauenärztin eine Fruchtblase in der Gebärmutter entdeckt. Sie will sich zwar nicht festlegen, aber auch Rieke hat einen Punkt im Ultraschall erkannt. Daher ist diese wohl eine klinische Schwangerschaft. Zum Abgang hat die Frauenärztin ihre Bedenken geäußert, dass vielleicht etwas an unseren Genetik nicht harmonisiert. Vielleicht lassen wir das mal abklären – später.

Ich kann es immer wieder kaum glauben, dass es schon 2 Jahre her ist, seit wir unsere letztes „Kind“ betrauert haben. Wir haben es in fünf Jahren auf zwei Schwangerschaften gebracht, die auch noch zwei Jahre auseinander liegen. Krass. Wer hält denn so lange durch? Wir. Und ich habe irgendwie das Gefühl, dass es noch eine ganze Zeit dauern wird, bis wir glückliche Eltern sind – oder glücklich CNBC (Childless/-free Not By Choice).

Ich habe dank Isa und Belle (beide CNBC) von dem zauberhaften Blog Wonderland, auch bekannt unter „Manchmal ist es nie“, ein wunderschönes Wort gefunden, mit dem sich die hässlichen Begriffe Fehlgeburt und Abgang vermeiden lassen. Die beiden schreiben, dass sie Herzensmütter sind. Ich finde dieses Wort unglaublich passend und möchte es genau so sehen. Das Bild, dass wir zwei Kinder in unsere Herzen geboren haben, ist versöhnlich, wertschätzend und zeigt auch, dass diese Kinder nie wieder von einem gehen, sie bleiben immer in unseren Herzen.

Ich bin ein Herzensvater – sogar ein doppelter!

Allgemein

Ein wilder Mann

05.05.2015
Ein wilder Mann

Rieke ist schwanger. Hammer. Unglaublich. Doch schon unsere Heilpraktikerin wusste:

Es braucht nur einen wilden Mann!

So richtig kann ich es aber nicht glauben. Vom Gefühl bin ich mir zwar sicher, aber der Kopf sagt ständig: Die Situation hattest du doch schon und am Ende wurdest du enttäuscht (siehe Himmelhoch jauchzend, bitter weinend).

Und auch dieses Mal läuft nicht alles perfekt. Rieke hat sich direkt zu Beginn der Schwangerschaft eine ordentliche Erkältung aufgesackt. Wenn sie Kraft für die Genesung benötigt, bleibt sicherlich wenig für den Embryo übrig. Als dann aber noch (leichte) sogenannte Schmierblutung auftreten, sinkt meine Zuversicht in den Keller.

Um aber alles zu unternehmen, was uns möglich ist, geht Rieke zur Frauenärztin. Zu den Empfangsdamen der Praxis könnte ich einen eigenen Beitrag schreiben. Die haben tatsächlich versucht, Rieke trotz ihrer früheren Fehlgeburt und der jetzigen Blutungen abzuwimmeln, konnten sich aber glücklicherweise gegen meine Frau nicht durchsetzen. Ätsch. Am Ende saß Rieke – zwar weinend, aber immerhin – im Wartezimmer. Unglaublich, wie man so mit den Gefühlen seiner Patientinnen umgehen kann. Die Untersuchung zeigt aber nichts auffälliges. Der kleine Punkt (da wollte sich die Frauenärztin nicht festlegen) auf dem Ultraschall und der hcg-Wert zeigen deutlich: Rieke ist schwanger!

„Abwarten“ sagt die Frauenärztin.
Die Blutungen versiegen noch am gleichen Tag und Rieke fühlt sich wohl. Jeder weitere Tag kurbelt das Kopfkino weiter an und lässt die Hoffnung steigen. Wir beginnen sogar schon zaghaft den Geburtstermin auszurechnen und die Raumaufteilung in unserer Wohnung zu überarbeiten. Wir fühlen uns zunehmend sicher. Was soll passieren? Na klar, alles mögliche kann noch schiefgehen, aber wir vertrauen auf das gute Gefühl. Heute treten wir in die 6+0 SSW ein und übermorgen steht der Ultraschalltermin an. Endlich bekommen wir ein Bild von unserem Glück!

Herzschlag bricht ab

Und während ich das hier schreibe, ruft Rieke aus dem Bad nach mir………Es ist vorbei. Ein neuer Stern geht auf.

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Behandlungspause mit Überraschung

26.04.2015
Helge in der Behandlungspause

Die letzte Kinderwunsch-Behandlung hat mich unerwartet stark mitgenommen (siehe Leise Tränen). Die Gefühle haben sich potenziert und ich begann mir Sorgen zu machen, wie es nun bei der nächsten Behandlung werden würde. Muss ich mich auf eine noch turbulentere Achterbahnfahrt der Gefühle einstellen?


Wir entschließen uns, einen Zyklus auszusetzen, um uns Zeit zur Verarbeitung zu geben und wieder etwas Kraft zu sammeln. Außerdem ist Rieke ständig erkältete und möchte erstmal wieder zu kräften kommen.

In Windeseile fällt die Anspannung von mir ab. Das Leben fühlt sich leichter an und der Druck auf den Schultern weicht. Ich kann mir förmlich dabei zusehen, wie die Verdrängung einsetzt und alles unangenehme in Vergessenheit gerät. Ab und zu überfällt mich dann aber doch die Sehnsucht, wenn ich die Freundeskinder in den Armen halte. Es drängt sich mir der Gedanke auf, dass mein Leben zwar leicht, aber auch etwas inhaltsleer ist, solange unser Wunsch sich nicht erfüllt und wir keine Kinder haben. Kurzum: Kurzzeitig ist es angenehm, den Kinderwunsch beiseite zu schieben, aber Kinder fallen auch nicht einfach vom Himmel.

Es geht also wieder los – IUI, die 3.

Am Ende des Zyklus, den wir ohne Behandlung verstreichen lassen haben, sichere ich uns einen Termin bei der Kinderwunsch-Klinik für die Ultraschalluntersuchung (Follikel Screening). Der frühe KiWu-Mann fängt die beliebten 7:30 Uhr-Termine! Nach zwei verstrichenen Tagen sinkt Riekes Laune, die lila Minions kommen hervor und ich gehe in Habachtstellung. Dieser neue Zustand hält noch etwas an, wir sind aber mittlerweile ein eingespieltes Team und zerkratzen uns nur ganz selten die Gesichter. Aber mir schwant, dass irgendwas anders ist. Aber ich bleibe vorsichtig. Sie hat zwar schlechte Laune und ihre Blutung bleibt aus, aber die kommt ja manchmal etwas später erst. Naja, 3 Tage später? 5 Tage später??

Da stimmt was nicht

Ich sage den Termin in der Kinderwunsch-Klinik wieder ab, der Zeitplan ist total hinüber.

Wir sind auf einem Geburtstag eingeladen und Rieke überlegt, schon auf Alkohol zu verzichten. Sie kommt zu dem Schluss, dass es auch ihrem allgemeinen Gesundheitszustand gerade nicht schadet, wenn sie lieber den alkoholfreien Sekt mitnimmt. Auffallen tut es eh niemanden, alle wissen, dass Rieke aufgrund der KiWu-Behandlung immer mal wieder auf Alkohol verzichtet. Mit zaghaftem Hoffen hat Rieke sich getraut einen Schwangerschaftstest zu kaufen, den wir am folgenden Morgen zurate ziehen wollen.

Überraschung

Der Test zeigt positiv, ich bin irritiert. Ausgerechnet der Zyklus, den wir zum Pausieren nutzen wollten, hat zur Schwangerschaft geführt? Verrückt! Dabei konnten wir den RatSCHLAG: „Entspannt euch, dann klappt das schon.“ nie ertragen.

Trotz der unglaublichen Wendung, habe ich Hemmungen mich direkt auf die neue Situation einzulassen. Zu tief sitzt noch der Schmerz der letzten Fehlgeburt.

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…und wollt ihr nicht auch mal loslegen mit Kinderkriegen?

28.03.2015
Helge spricht über das Kinderkriegen

Wie oft haben wir den Satz schon gehört! Wohl auch jeder andere Mensch mit einem unerfüllten Kinderwunsch. Was sagt man(n) da? Wie reagiert man(n)?

Als unsere, meist etwas älteren Freunde anfingen Kinder zu bekommen, da wussten wir noch nicht, welchen Weg wir gehen würden. Da haben wir gestrahlt und gesagt: „Oh ja, wenn Helge seine Ausbildung fertig hat, wir beide eine festes Einkommen, wir noch eben unsere erste große, gemeinsamen Reise gemacht haben, dann soll’s mit dem Kinderkriegen losgehen. Spätestens!“. Wir haben immer deutlich gemacht, dass wir uns auf jeden Fall Kinder wünschen.

Tja und wenn man dann nicht abliefert, kann man dann schlecht sagen: „Och nö, wir lassen uns noch Zeit. Muss auch nicht sein.“.  Kauft einem ja keiner ab. Hat man dazu noch eine Frau, die immer ehrlich sein muss,  schaut man nicht selten in betretene Gesichter. Ungefragt haben wir nie davon erzählt, aber wer fragt bekommt eine ehrliche Antwort. Uns ist es nicht peinlich, wieso auch? Wir können nichts dafür, dass es so ist. Innerhalb der Familie und des Freundeskreises lassen wir auch keine Details aus. Das hat für uns gleich mehrere positive Aspekte:

  1. Man wird seltener gefragt.  Entweder ist die Frage dann befriedigend geklärt oder die Leute, meist die die man weniger gut kennt, sind tatsächlich unangenehm berührt und fragen liebe nicht nochmal nach.
  2. Man kann den Rotz auch mal bei jemand anderem loswerden, als nur beim Partner. Freunde stützen einen und sind für einen da.
  3. Man erfährt auf einmal wie viele Menschen von einem unerfüllten Kinderwunsch oder ähnlichem Schicksalen betroffen sind! Man gewinnt die Erkenntnis, dass man damit tatsächlich nicht alleine ist und findet bestenfalls noch jemanden, mit dem man Erfahrungen austauschen kann.
  4. Man macht die Welt ein bisschen klüger. Unser Umfeld hat auf jeden Fall viel über die weibliche Anatomie und die menschliche Fortpflanzung dazugelernt.

In unserem Fall ist es so, dass  Freundinnen von Rieke, aber auch mein Bruder so sehr mitfiebern, dass es den Anschein macht, dass sie teilweise aufgeregter sind als wir selbst. Gelegentlich ist das schon fast etwas anstrengend, wenn man so häufig gefragt wird, wie denn nun der aktuelle Stand ist und dadurch immer wieder auch von negativen Ergebnissen berichten muss. Gleichzeitig ist es schön, denn es zeigt ja auch wie gern sie uns haben.

Auch im beruflichen Umfeld wurden wir gefragt und haben geantwortet, wenn auch zurückhaltender, weniger umfangreich und detailliert. Bisher haben wir dadurch nie Nachteile erfahren. Im Gegenteil, die Menschen, die uns nicht allzu fremd sind, reagierten interessiert und aufgeschlossen. Andere wechselten das Thema, auch gut. Irgendwie waren wir dadurch weiterhin dabei, standen nicht am Rand und haben den Kontakt verloren, weil andere Kinder bekamen, wir aber nicht. Wenn unsere Freunde über ihre, durch den Nachwuchs veränderte, Lebenssituation sprachen hatten auch wir ein entsprechendes Thema, anders aber artverwandt. Vor allem aber hat es uns Patenkinder eingebracht, noch und nöcher. Alle wollten, dass wir irgendwie auch teilhaben können an dem Wunder Menschwerden. Vielen Dank dafür!

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Leise Tränen

23.03.2015
Helge weint leise Tränen

Aber – genauso ist es gekommen. Rieke hat schon einen Tag vor der obligatorischen Blutanalyse in der Kinderwunsch-Klinik die eindeutigen Anzeichen ihres Körpers wahrgenommen. Sie ist sich sicher, dass es wieder nicht geklappt hat. Es gibt zwei Gründe, weshalb es mich stört, dass sie es mir noch vor der Auswertung der Blutprobe gesagt hat:

  1. Ich habe mich auf einen weiteren Tag der Hoffnung eingestellt und befand mich auf einer leichten Woge der Euphorie. Auch, weil Rieke noch am Vortag sich nicht sicher war. Nun ist die Spannung dahin.
  2. Es hat nicht geklappt. Es hat nicht geklappt. Es hat nicht… naja, ich wiederhole mich.

Beim ersten IUI-Versuch waren die Voraussetzungen etwas ungünstig, den Eisprung haben wir leicht verpasst und irgendwie war die gesamte Stimmung nicht so hoffnungsfroh. Bei diesem Versuch hingegen, hat alles gepasst. Solch optimalen Bedingungen wieder herzustellen wird schwer. Aus diesem Grund ist es für mich vollkommen anders, wenn bei diesem Mal die Ärztin verkündet, dass die Behandlung ohne Erfolg geblieben ist. Mir wird klar, dass wir mit der IUI wohl kaum ein neues Leben werden empfangen dürfen. Das schmerzt.

Ich muss gestehen, es trifft mich diesmal sehr. Die Tränen schießen mir leichter in die Augen, auch wenn ich mir – ich bin ja schließlich ein MANN – niemals solche Gefühlsduseleien erlauben würde. Ich halte nicht viel von dieser „männlichen“ Gefühlskargheit, aber ich bin dennoch davon betroffen. Gefühle zu zeigen fällt mir schwer – wahrscheinlich habe ich auch Angst davor, sie könnten mich ins Bodenlose mitreißen. Die Gedanken, dass sich nun nach und nach alle Möglichkeiten1 auf ein eigenes Kind ausschließen, nagt an mir.

Wir werden zwar noch einen Versuch wagen, der IUI eine weitere Chance einräumen und noch ein weiteres Mal all unsere Hoffnung zusammenkratzen. Was danach kommt, kommt danach.
Ich muss mich davon lösen, immer in der Zukunft nach Rettungsringen zu suchen und meine Konzentration auf das Hier und Jetzt legen. Wenn ich dabei vom Gefühlschaos mitgerissen werde, dann habe ich wenigstens eine Chance die Erlebnisse zu verarbeiten. Andernfalls riskiere ich, dass ich die Gefühle abspalte und zu völlig anderen Zeitpunkten erneut mit meinen Dämonen konfrontiert werde. Diese Erkenntnis kommt übrigens nicht nur von mir, sondern wurde mir mit steten Schlägen auf den Hinterkopf von Rieke eingetrichtert. Das klingt jetzt so, als würde sie mich damit steuern. Ich finde aber, die Hinweise können von anderen gegeben werden, die Erkenntnis, dass sie gut sind, kommt dann immer noch aus einem selber.

In diesem Sinne, so glaube ich: Hier und Jetzt! Die Flucht – ob nach vorne oder hinten – ist keine Lösung. Nicht auf Dauer.

 

1 Alle Möglichkeiten, die für uns in Betracht kommen. Wir wollen uns nicht an allem, was die Welt zu bieten hat, ausprobieren, sondern eine klare, schon vorab getroffene Auswahl an Behandlungsformen „abarbeiten“.

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Lila Minions

18.02.2015
Lila Minion

Nach der Insemination ist vor den Nebenwirkungen.

Rieke hatte großen Respekt vor eventuellen, negativen Nebenwirkungen der Hormonpräparate und war sehr erleichtert, als diese anfangs ausblieben. Im Gegenteil, ihre Haut wurde besser, die Verspannungen verflogen, sie fühlte sich insgesamt sehr zufrieden. Das war nach der auslösenden Spritze.

Drei Tage später sollte sie sich erneut eine Ampulle Predalon spritzen, um den Gelbkörper in seiner Produktion von Progesteron noch mal anzufeuern. Danach wurden aus den lieben, friedlichen Hormonen garstige Biester. Riekes Stimmung schwankte zwischen hoffungsvoll und „das klappt so wieso nicht“ im – zum Glück nur – 24 Std.-Takt hin und her. Sie bekam Wassereinlagerungen in den Beinen, Schwindel, Übelkeit, etc.

Ja, richtig, alles hätten auch Schwangerschaftsanzeichen sein können. Alle oder nichts. Rieke erklärte beim Sonntagskuchen ihrer Freundin (unser Freundes- und Familienkreis ist meist auf dem aktuellen Stand), dass das Predalon aus ihren Hormonen lila Minions macht, die fies alles in ihrem Körper auf den Kopf stellen und sie nicht mehr weiß, was echt ist. Wir lachten über die Vorstellung, dass Rieke bald lila, einäugig und mit wilder Mähne die Stadt unsicher machen würde.

Wir sind beide immer sehr bemüht unseren unerfüllten Kinderwunsch nicht zu anstrengend und deprimierend für unser Umfeld darzustellen, sondern aus ihm etwas selbstverständliches zu machen, etwas, was vielleicht auch ein Abenteuer sein kann.

Die Welt dreht sich

Dabei ist sicher allen klar, dass die Medaille zwei Seiten hat. Immer mal wieder fällt uns auf, dass wir unserer Zeit voraus sind, schon begonnen haben mit dem Kinderwunsch, den Traum von einer eigenen Familie abzuschließen, obwohl wir doch noch mittendrin stecken. Das führt ebenso oft dazu, dass wir uns in unseren Gefühlen verheddern, traurig sind, obwohl noch nichts entschieden ist, oder (das bevorzuge ich) bereits tapfer neue Pfade gehen und den unerfüllten Kinderwunsch beiseite wischen. Da nehmen wir uns beide nichts, wobei Rieke wohl dann doch häufiger noch das Hier und Jetzt mitnimmt. Ich verliere das schon schneller mal aus den Augen. Ich will nach vorne schauen, mein Seien nicht von diesem einen Lebensentwurf bestimmen lassen, mich glücklich fühlen.

Daher habe ich mich nebenberuflich an ein 3-jähriges Studium gewagt. Das war ganz schlau von meiner Psyche, so hatte ich gar keine Zeit mich mit „hat’s vielleicht geklappt und was wenn nicht“-Gefühlen zu beschäftigen. Blöd nur, dass Rieke kein Studium angefangen hat und sich sehr wohl mit solchen Gedanken beschäftigte.

Hammermäßig

Geklappt hat es nicht. Rieke bekam schon in der Nacht vor dem Bluttest ihre Blutungen und der Test bestätigte nur noch, was wir eh schon wussten. Für mich war es, als wäre nichts gewesen. Ich hatte mir von der Behandlungsform (IUI) eh nicht viel versprochen. Das Leben geht weiter.

Erst einige Tage nach dem Ergebnis schlug Rieke mir „Hau-den-Lukas“-mäßig (sie war dabei zwar nicht lila, aber ein wenig wild war sie schon dabei) um die Ohren, dass das alles doch irgendwie krass und anstrengend ist und man das doch auch nicht einfach ignorieren kann, was wir da grade mitgemacht haben. Schließlich ist da grade eine unserer 6 Seifenblasen (wir haben 3 IUI- und 3 ICSI-Versuche lt. Behandlungsplan) geplatzt. Nach dem Motto „Besser spät, als nie“, habe ich dann gecheckt, dass mein gerade begonnenes Studium eine Flucht vor der drohenden Erfolglosigkeit unserer Behandlung war. Nun will ich natürlich nicht auf das Studium oder andere zuversichtlich machende Tätigkeiten verzichten, aber mir ist klar geworden, dass der Hammer nur noch heftiger zuschlagen wird, wenn ich das Jetzt nicht auch bewusst durchlebe. Nicht zum ersten Mal weise ich hier, mit dem Zaunpfahl winkend daraufhin, dass ein unerfüllter Kinderwunsch an eine Beziehung deutliche Anforderungen stellt.

Ziemlich klugscheißerisch, aber, je länger es dauert, umso mehr verstehen wir, warum ein unerfüllter Kinderwunsch nicht selten zu Trennungen führt. Waren wir anfangs noch der Meinung, andere aber wir doch nicht, wird deutlich, dass jeder unterschiedlich mit dem gemeinsamen Schicksal umgeht, es verschieden schnell und gut verkraftet und nicht immer die Kraft hat, auch für den Partner tröstende Worte zu finden. *Achtung, jetzt wird es kitschig* Ein steiler Berg, bei dessen Erklimmen sich beide gegenseitig gut sichern müssen.