Aufgeben ist keine Option

06.02.2021

Wer fragt, bekommt Antworten.

So habe ich es zu Beginn gehalten, wenn jemand nach meinem Kinderwunsch, dem Stand der Behandlung oder meinen Gefühlen gefragt hat. Grundsätzlich hat sich das auch nicht geändert. Doch habe ich festgestellt, dass der entstehende Dialog nicht selten ein angespanntes Gefühl zurücklässt. Auch wenn ich es eigentlich nicht schön finde, antworte ich mittlerweile auch ausweichend, um einer eventuellen Übergriffigkeit zu entgehen. Und das hat seine Gründe.

Wenn ich von einer erfolglosen Kinderwunsch-Behandlung berichte, löst dies bei manchem Gegenüber eine Reaktion aus, die ich sehr unangenehm finde. Einige Menschen neigen dazu mir mit Durchhalte-Parolen Zuversicht vermitteln zu wollen.

Ich kenne ein Paar, das hat auch viele Jahre alles versucht und am Ende hat es doch noch geklappt. Irgendwann wird es schon klappen, haltet durch. Bei uns hat es auch länger gedauert. Wir haben auch nicht mehr dran geglaubt, gebt einfach nicht auf. Habt ihr das schon ausprobiert, bei meiner Freundin hat das gleich funktioniert. Wollt ihr nicht nochmal über Adoption nachdenken?

Ich weiß, dass es eigentlich aufmunternd gemeint ist. Niemand will mich damit verletzen. Aber genau deshalb will ich darüber schreiben.

Gut gemeint, ist nicht gleich gut gemacht

Ob im persönlichen Gespräch, in sozialen Netzwerken oder in Mails begegne ich immer wieder Durchhalte-Parolen, die sich nicht mit meiner Situation auseinandersetzen. Es vermittelt mir eher den Eindruck, als müsste ich…, als müsste mein Kinderwunsch einem gesellschaftlichen Bild entsprechen. Wer aufhört, dessen Kinderwunsch ist nicht echt, mindestens nicht sehr ausgeprägt. Nur wer so und so viele ICSIIntracytoplasmatische Spermieninjektion und alle bekannten Untersuchungen absolviert hat, hat ausreichend Anstrengungen unternommen und kann die Behandlung einstellen. Wobei… eigentlich könnte man ja nochmal eine ICSIIntracytoplasmatische Spermieninjektion mit BlastozystenZellstadium um den 5. Tag nach Befruchtungkulturen oder PICSIPhysiologischen Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion versuchen. Und so weiter.

Ist mein Kinderwunsch nur etwas wert, wenn ich dafür einen Kredit aufnehmen musste, wenn ich dafür meine Nerven bis zum Zerreißen strapaziert habe? Wenn ich mich psychisch oder physisch am Boden liegend wieder finde?

Der Kinderwunsch ist individuell

Die Gründe für ungewollte Kinderlosigkeit sind so vielfältig, wie die Möglichkeiten der Diagnostik und die Behandlungen. Viele Kommentare scheinen völlig zu übersehen, dass es ganz verschiedene Ursachen für das Ausbleiben einer Schwangerschaft geben kann. Liegt es am Sperma des Mannes, liegt es an einer EndometrioseWucherungen der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter, ist das Immunsystem schuld, kann der Hormonhaushalt sich nicht einpegeln, will der Eileiter die Eizelle nicht in die Gebärmutter lassen, gibt es genetische Gründe… Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Und das gleich mal zwei. Denn der Mann UND die Frau können jeweils eigene Faktoren mitbringen, weshalb eine Schwangerschaft verwehrt bleibt.

Jeder Mensch seine eigenen Grenzen

Neben den Ursachen ist auch der Umgang mit dem unerfüllten Kinderwunsch unterschiedlich. Manche haben körperlich sehr mit den Behandlungen zu kämpfen, manche haben keinen Rückhalt in ihrem Umfeld, manche haben finanzielle Sorgen, andere haben keine konkreten Anhaltspunkte für die Ursachen und wieder andere haben dies alles zusammen.

Wer einen Erfolg, und sei er auch so klein, während seiner Behandlung erlebt hat, ist motiviert weiterzumachen. Wer hingegen bei all seinen – oft jahrelangen – Bemühungen keine Fortschritte erkennen kann, wird die Hoffnung irgendwann verlieren. Neben der Motivation kann es auch um Ängste und Sicherheitsgedanken gehen. Die Kinderwunschbehandlungen können Ersparnisse aufbrauchen, gesundheitliche Risiken mit sich bringen und psychische Krisen (Unerfüllter Kinderwunsch – Auswirkungen auf Paare und mögliche Beratung- und Therapieansätze) auslösen.

Wann der Punkt erreicht ist, an dem der Weg nicht mehr weitergeht, ist für jeden Mensch anders. Sicher bin ich mir aber, das diese Entscheidung nie grundlos getroffen wird. Wobei „Entscheidung“… eigentlich ist es ja eher eine Erkenntnis. Hart ist es aber in jedem Fall.

Zuhören und Mitgefühl

Die Möglichkeiten einer erfolgreichen Behandlung, die Kraft dafür zu kämpfen und das eigene Sicherheitsgefühl sind immer verschieden. Alle haben eigene Leistungsgrenzen und Leidensfähigkeiten. Jedoch ist niemanden geholfen, wenn einem ein fremdes Wertesystem à la „wer sich nur genug anstrengt, kann alles erreichen“ übergestülpt wird. Warum ist es verboten aufzugeben (siehe „Childress not by choice? No chance!„)?

Wirklich hilfreich empfinde ich in solchen Situationen Fragen und Mitgefühl.

Wie geht es dir damit? Hast du etwas, was dir halt gibt? Kann ich dich unterstützen? Magst du darüber reden?

Doch Vorsicht, die Antwort könnte länger ausfallen und vielleicht von Schmerz und Verzweiflung handeln. Doch zeigt die Bereitschaft, sich die ganze Geschichte anzuhören, aufrichtiges Interesse und wahre Freundschaft.

2 Kommentare

  • Antwort Patrizia Küber Am 07.02.2021 um 12:37 Uhr

    Ihr habt doch schon 2 gesunde kinder. Das reicht doch..

    Wer sagt wann es reicht?

    Nur weil euch zwei kinder genügen, muss es nicht für alle so sein.

    Das Gefühl 1 Kind genügt wir sind komplett ist genau so individuell wie es fehlt uns noch eines…

    Wir sind sehr froh darüber das aus 2 icsi und 3 kryo versuchen zwei kinder geworden sind.

    Da ich 40 bin und wir kein Vermögen haben wird es dabei bleiben sollte unser dezeit letzter kryo Versuch fehl schlagen.

    Dennoch, ist er da. Der Kinderwunsch. Dennoch schmerzt es nicht einfach selbst zu bestimmen wann ist unsere Familie vollständig.

    Doch wir werden als undankbar und verrückt bezeichnet in der heutigen zeit mehr als 2 kinder haben zu wollen…

    • Antwort Helge Am 07.02.2021 um 13:30 Uhr

      Das erinnert mich an Szenen aus der Kinderwunschklinik, wenn im Wartezimmer Eltern mit ein, zwei Kindern warten und alle ohne Kinder grimmig gucken. Wenn Blicke töten könnten, hätten die Eltern wenigstens leicht angesengte Haare 😉

      Als müsste man seinen eigenen Schmerz ins Verhältnis zu dem Schmerz anderer stellen.

      Aber auch die Bewertung, die du erlebt hast, ist traurig. Warum darf man nicht für seine Träume kämpfen? Warum müssen die eigenen Grenzen plötzlich für andere gelten? Also mal von den gesetzlichen Grenzen abgesehen…

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