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Mein Weg

Interview, Mein Weg

Helge trifft Mona Lisa

09.06.2017
Helge trifft Mona Lisa

Da öffnet man – nichts ahnend – das Mailpostfach und plötzlich liegt da eine Anfrage von einem TV-Magazin. Und nicht nur von irgendeinem RTL2-Format, sondern vom ZDF. Im ersten Moment war ich sprachlos. Das ZDF-Magazin Mona Lisa will ein Interview mit mir und Rieke drehen. Ich meine… das ZDF… eine Reichweite, die nicht so überschaubar ist, wie mit meinem kleinen Blog hier. Wer wird uns dann – durch Zufall – sehen können? Der Postbote, meine neuen Nachbarn, mein Chef? Nach einigem Beschnuppern haben wir uns dann aber entschieden, uns auf das Abenteuer einzulassen. So kam es, dass eines Tages ein Team vom ZDF vor unserer Tür stand und wir ihnen intime Einblicke in unsere Baustelle und unser Leben gewährt haben. Weiterlesen…

Mein Weg

Kinderwunsch unter Männern

24.03.2017
Kinderwunsch unter Männern

Montagabend bin ich auf Twitter über einige Diskussionen zum aktuellen „Hart aber fair“-Thema über späte Mutterschaft gestolpert. Schon die ersten Zitate aus der Sendung riefen ein Kribbeln hervor, die Neugier war geweckt und nach längerer Zeit war ich mal wieder mit Gefühlen meines Kinderwunsches konfrontiert. Anstatt diese Gefühle lieber wieder einzubuddeln, habe ich sie gewähren lassen und mir die Sendung aus der Mediathek gestreamt.

Zugegeben, das Thema hatte nur am Rande mit meiner eigenen Situation zu tun, aber dennoch überrollte mich die Erinnerung an meine aktive Kinderwunschzeit. Wie könnte es bei den bewegenden Ausschnitten aus dem Film „Alle 28 Tage“ von Ina Borrmann auch anders sein.

Durch diesen Trigger kam mir wieder eine Frage in den Kopf, die mir neulich gestellt wurde: Wie geht eigentlich ein Mann mit seiner ungewollten Kinderlosigkeit um? Wie verarbeitet er seine Gefühle? Eine Antwort darauf kann ich natürlich nur für mich geben, nicht stellvertretend für alle Männer. Weiterlesen…

Allgemein, Mein Weg

Exit Strategie vom Kinderwunsch

26.07.2016
Exit Strategie von Helge

Nu is‘ aber gut. Reicht! Spaß is‘ auch was anderes. Wieso nochmal? Bringen tut’s ja offensichtlich nichts.

So und so ähnlich meldete sich immer wieder meine innere Stimme. Die Kinderwunschbehandlung begann ihre Fratze zu zeigen, also musste eine Exit Strategie her. Passend dazu haben schon Icke&Er formuliert:

Den gesamten Song könnt ihr euch hier ansehen.

Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

Lasst mich aber kurz zusammenfassen: Im März diesen Jahres haben wir eine ICSI durchgeführt, den eigenen Kindern sind wir jedoch keinen Schritt näher gekommen. Stattdessen haben wir nach einer erfolglosen Schwangerschaft im Folgezyklus sämtliche Flure, Betten und Behandlungsräume des örtlichen Krankenhauses kennenlernen dürfen. Eine Erfahrung, die ich auch meinen ärgsten Feinden nicht wünschen würde. Diese Zeit hat mein Nervenkostüm stark in Mitleidenschaft gezogen, für viele schlaflose Nächte gesorgt und mir einen großen Sack voll Sorgen um meine Frau beschert. Am Ende hat es nichts gebracht, uns aber viel Lebensfreude geraubt – vom Geld mal abgesehen.

Eine ganze Weile waren wir – wie paralysiert – mit dem Versuch beschäftigt, den Alltag zu bewältigen. Erst während unseres Urlaubs haben wir Zeit für unsere Gefühle gefunden. Abends am Strand bei Sonnenuntergang, Aperol Spritz und Tabula rasa wurde klar, dass wir nicht mehr weitermachen wollen.

Wir ziehen einen Strich

Wir wollen unser Leben zurück. Es soll Schluss sein mit den Hormonen, mit den Spritzen, mit Sex nach Plan, mit Terminen in der Klinik, mit Ausreden beim Arbeitgeber. Uns ist ohnehin schon lange klar, dass die Chance auf ein Kind gering ist. Kein Arzt, kein Heilpraktiker und keine Diagnostik konnten uns bisher helfen. Wenn es doch noch ein Verfahren geben sollte, dann wird es uns nun auf ewig verschlossen bleiben, denn wir suchen nicht mehr weiter.

Gemeinsam mit Rieke, da bin ich mir sicher, kann mein Leben erfüllt, genussvoll und ausgeglichen sein. Eigene Kinder sind zwar mehr als nur die Kirsche auf der Sahne, aber wir beginnen zu verstehen, dass wir nicht alles bekommen können, was wir uns wünschen.

Diese Entscheidung fällt schwer, aber unser Leidensdruck ist zu hoch, um weiter an einem Lebensentwurf zu schrauben, den wir nicht umsetzen können. An dieser Stelle höre ich schon wieder die Stimmen:

Wenn ihr mit dem Versuch aufhört und euch entspannt, klappt es bestimmt von alleine.

Dazu kann ich nur gähnen und euch bitten diesen Blogpost nochmal ausführlich zu lesen!

KiWuExit – die Strategie

Was ist schön an unserem Leben? Was bereichert uns? Über diese Fragen haben wir uns schon vor längerem einem möglichen Plan B genähert.  Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie ohne Kinder unser Glück finden? Eine Antwort war: Ohne Kinder wollen wir´s nicht. Warum auch, wir haben viele Kinder – Patenkinder, Neffen, Freundeskinder. Schon jetzt schenken wir ihnen unsere Aufmerksamkeit, verbringen viel Zeit mit ihnen und erlangen unsere tägliche Portion Glückseligkeit. Dies soll auch so bleiben.

Jetzt braucht es noch einen anständigen Rahmen. Und auch den haben wir gefunden; ein kleines Haus mit großem Garten und Platz für kleine, größer werdende und große Schlafbesucher. Wir haben es uns gewünscht und es hat uns gefunden. Perfekt. Genauso sollte es doch immer laufen. Wir haben nicht lange gezögert und zugeschlagen. Die Tinte unter dem Kaufvertrag ist mittlerweile trocken, jedoch müssen wir uns noch drei Monate bis zur Übergabe gedulden. Doch dann leben wir in unserer „Begegnungsstätte“. Noch fehlen dem Haus der Charme, die gewisse Ausstrahlung und die Individualität, aber daran werden wir arbeiten. Denn gewonnen haben wir durch die Kinderlosigkeit ganz viel Zeit für uns, für unser neues Haus. Unser Umfeld äußert hin und wieder Neid über so viel Unabhängigkeit, Freiraum und unseren gesunden Schlafrhythmus. Ja, es mag recht egoistisch daher kommen. Aber mal ehrlich: Wir hätten alles hergegeben ohne mit der Wimper zu zucken, aber nun können wir dem auch viel Gutes abgewinnen!

Am Ende jedoch sollen alle etwas davon haben: Ein Haus mit offenen Türen, in dem jeder herzlich willkommen ist.

Und jetzt?

Ja, es ist soweit. Helge sagt Tschüss! Ich verabschiede mich vom Kinderwunsch. Damit soll hier aber keine Grabesstille herrschen. Jetzt geht es ja eigentlich erst richtig los. Meine Themen in der Zukunft lauten zukünftig „Plan B zum Kinderwunsch“ und „Ungewollt Kinderlos in der heutigen Gesellschaft“. Wenn euch noch weitere Themen interessieren, schreibt sie mir gerne in die Kommentare.

Übrigens: Sobald Rieke und ich eine letzte Kontrolle aller eventuell kompromittierenden Details auf diesem Blog abgeschlossen haben, könnte ich euch meine wahre Identität offenbaren. Hui, da bekomme ich jetzt schon ein bisschen Herzklopfen. Die Entscheidung steht aber noch nicht fest und wird heiß diskutiert. Was meint ihr, ist es Euch wichtig zu wissen, wer wir sind? Oder kennen die meisten uns eh schon?

Mein Weg

Die drei Schuppen der Meerjungfrau

23.03.2016
Die drei Schuppen der Meerjungfrau

Rieke möchte sich schon seit längerer Zeit tätowieren lassen. Es soll ein Motiv sein, dass für sie Bedeutung hat, aber was das genau sein könnte, konnte sie sich noch nicht ganz vorstellen. Es soll Ausdruck unserer Geschichte sein, mit all den Leiden und Freuden. Wir sind dem Meer sehr verbunden, daher sollte es ein maritimes Motiv sein. Das Thema Kinderwunsch und unsere Herzenskinder haben sie so in ihrem Leben geprägt, dass das Motiv sich auch darauf beziehen soll. Ein Stern für jedes Sternenkind ist ihr dann aber doch zu plakativ.

Beim Samstagsfrühstück letzte Woche kam ihr die kleine Meerjungfrau in den Sinn. Kennt ihr die freud- und leidvolle Geschichte der kleinen Meerjungfrau? Also, nicht die Disneyvariante mit Arielle, sondern das Original von Hans Christian Andersen? Genau so. Sie lebt im Meer, aber das Land ist so reizvoll, dass die Meerjungfrau sich im Meer nicht so richtig zuhause fühlt. Sie will an Land und vom Prinzen geliebt werden, schafft es aber nicht. Obwohl sie sich sogar entscheidet die Gestalt der Meerjungfrau gegen die einer Menschenfrau einzutauschen, bleibt ihr Vorhaben erfolglos. Die Umwandlung ihrer Gestalt ist unumkehrbar, doch trotz dieses Opfers kann sie den Prinzen nicht für sich gewinnen. Dieses Märchen lässt viel Interpretationsspielraum, in dem sich auch unsere eigene Geschichte unterbringen lässt.

Die Meerjungfrau als Tattoo könnte auf eine sehr charmante Art als Trägerin unser Herzenskinder dienen. Für jedes verlorene Kind kann sie eine besonders schillernd bunte Schuppe gemalt bekommen. Ursprünglich waren zwei Schuppen vorgesehen… Aber nun ist eine dritte hinzugekommen.

Es verblüfft mich gerade selber, aber beim Schreiben diese Einleitung, mit der ich mich dem Thema aus einer ganz anderen Ecke nähere, habe ich einen Zugang zu Gefühlen in mir gefunden, die ich vorher nicht verspürt habe. Schauen wir mal, wohin mich diese Gefühle führen werden.

Die dritte Schuppe der Meerjungfrau

Ich blicke auf eine aufregende und durchaus glückliche Zeit zurück, in der Rieke schwanger war, der hcg-Wert nach oben ging und alle Ampeln auf grün standen. Wir haben uns immer eingebildet, wenn es noch einmal klappt, ein drittes Mal, dann werden wir ein Baby auf den Armen tragen können. Unser eigenes, nicht nur ein geliehenes. Und plötzlich sah es dann tatsächlich danach aus. Auf Twitter konnte ich meine Freude nicht mehr zurückhalten und verkündete die frohe Botschaft. Die Vielzahl der Beglückwünschungen ist für mich immer noch total überwältigend.

Doch wechseln wir nun von der Vergangenheitform in die Gegenwart. Der hcg-Wert steigt nicht ausreichend, die Schwangerschaft ist nicht intakt, ein Ultraschall zeigt keine Fruchthöhle oder gar ein Embryo, ein eigenes Kind wird uns nicht vergönnt sein. Die Nachricht ist wie ein Paukenschlag, auch wenn es mich nicht so sehr trifft, wie bei der letzten verlorenen Schwangerschaft (siehe Helge wird wieder Herzensvater). Rieke zerläuft aber förmlich in meinen Armen. Es ist schrecklich mit anzusehen und bricht mir das Herz. Ganz liebe Freundinnen, ihre Mutter und ich versuchen ihr Stütze zu sein und langsam kommt sie wieder auf die Beine.

Es dauert eigentlich nicht so lange, vielleicht zwei, drei Tage, bis Rieke die heftigesten Gefühle des ersten Schmerzes überwunden hat. Doch noch haben die Blutungen nicht vollständig eingesetzt. Sie beginnen zwar, sind aber viel zu gering und zu schnell vorbei. Die Blutung ist schon bei den ersten zwei Fehlgeburten ein wichtiger Teil ihrer Verarbeitung gewesen.

Wenn’s kommt, dann dicke

Irgendwas läuft nicht ganz richtig. Rieke ist in engmaschiger Kontrolle bei der Frauenärztin. Die Blutwerte zeigen, dass der hcg-Wert nicht ausreichend absinkt, dazu bricht ihr Kreislauf immer wieder weg und sie hat plötzlich Schmerzen im Unterleib. Unsicherheit macht sich breit: Doch eine Eileiterschwangerschaft?

Die Frauenärztin hat Rieke in jedem Telefonat mindestens zwei mal eindrücklich gebeten: „Wenn sie Schmerzen oder ungewöhliche Kreislaufbeschwerden haben, fahren sie ins Krankenhaus!“  Vorgerstern tat ihr dann beim Fahrradfahren plötzlich die rechte Leiste weh und der Kreislauf verabschiedete sich plötzlich, Oberbauchdruck blieb. Da haben wir uns doch für einen Besuch im Krankenhaus entschieden. Rieke musste die letzen 24 Stunden in der Klinik verbringen, da das Ultraschall bei der Aufnahme, laut Oberärztin, etwas auffällig war. Schon da war aber die Vermutung, dass die Gelbkörperzyste geplatzt ist, die vorher noch da war, nun aber weg ist. Das könnte auch die Beschwerden verursacht haben. Der Ärztin ist eine Überwachung dann aber doch lieber und so wird Rieke zur Kontrolle stationär aufgenommen. Am Ende zeigt sich am folgenden Tag in der Sonografie das zweite Ultraschall unauffällig und eine Operation ist nicht notwendig. Der hcg-Wert sinkt von alleine und kann ambulant weiter kontrolliert werden. Rieke wird entlassen und wir können nun doch noch die Ostertage zuhause und bei Freunden verbringen. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie erleichtert ich bin. Ein tonnenschwere Last wird mir von den Schultern genommen.

Unser Weg entlock mir in solchen Phasen immer mal wieder ein „Puh“. Ein „Puh“, für ganz schön aufregend, ganz schön anstregend, ganz schön viel Leben spüren. Es stellt sich mir immer mal die Frage, ob die Kinderwunschzeit am Ende meines Lebens ein bunter Flecken sein wird oder ein bedeutendes Erlebnis, das mein Leben entschieden gelenkt hat. Kann ich die Größe ihrer Bedeutung in meinem Leben selbst bestimmen oder sind sie so massiv, dass sie mich, meine Beziehung, meinen Lebensweg maßgeblich beeinflussen. Sind sie wirklich ein Tattoo wert?

Was meint ihr? Wieviel Bedeutung messt ihr eurer Kinderwunschgeschichte bei? Ist sie ein Tattoo für die Ewigkeit wert?

Mein Weg

Die ICSI-Achterbahn

14.02.2016
Helge fährt auf der ICSI-Achterbahn

Alle einsteigen, die Sicherheitsbügel festziehen und ab geht die Fahrt.

Wir sitzen auf Bodenhöhe in einer kleinen Fahrkabine, ziehen lässig den Sicherheitsbügel ran und sind gespannt, was uns dort oben während der Achterbahnfahrt erwartet. Ein leichtes Kribbeln breitet sich im Bauch aus, aber wir sitzen fest und sicher. Ungefähr so kann man sich den Beginn unserer ICSI vorstellen.

Obwohl ich ein großer Fan von Fahrgeschäften jeglicher Art bin, hätte ich um diese Achterbahn lieber einen großen Bogen gemacht. Die Vorstellung, dass meine Frau, die nebenbei bemerkt sehr sensibel auf alle Hormonpräparate reagiert, zwei Wochen unter einem verkappten PX-41 Serum leiden muss, war mir ein Gräuel. Doch die vier erfolglosen IUIs und der Umstand, dass wir innerhalb von sechs Jahren nur zwei Schwangerschaften hervorbringen konnten (wovon nur eine klinisch bestätigt war), führte fast unweigerlich auf eine ICSI hin. Wenn wir weiter an unserem Kinderwunsch arbeiten wollen, ist die ICSI die logische Wahl.

Die Fahrt geht los

Der Behandlungsplan sieht vor, am zweiten Zyklustag eine Depotspritze Elonva (150µg) zu setzen. Elonva enthält einen Wirkstoff der Gonadotropine, also ein follikelstimulierendes Hormon, das für das Wachstum und die Entwicklung der Follikel (Eizellen im weitesten Sinne) notwendig ist. Ab dem sechsten Zyklustag soll sich Rieke täglich Orgalutran (0,25mg) zum Unterdrücken des Eisprungs in den Oberschenkel oder Bauch spritzen und die letzten vier Tage mit einem Puregon Pen noch 200 IE zur weiteren Stimulation der Eierstöcke hinzufügen. Die Predalonspritze zum Auslösen des Eisprunges (in diesem Fall: der Eisprünge) darf natürlich nicht fehlen.

Am 13. Zyklustag wird die Follikelpunktion, also die Entnahme der Eizellen, unter Vollnarkose mit dem Ergebnis durchgeführt, dass 15 Eizellen gewonnen werden. Am gleichen Tag werden meine Spermien in die Eizellen injiziert. Am Donnerstag erfahre ich, dass dies bei 11 Eizellen möglich war und nach einem Tag nur fünf Embryonen überlebt haben. Am fünften „Reifetag“ sind schließlich nur noch zwei Blastozysten übrig. Als Blastozyste bezeichnet man das Embryonenstadium, wenn der Embryo ca. am fünften Tag eine Höhle bildet.

Wir haben vorab besprochen, dass bei der ersten ICSI nur ein Embryo zurückgeführt, also in die Gebärmutter gesetzt und der zweite Embryo eingefroren wird. Dadurch wollen wir das Risiko einer Zwillingsschwangerschaft ausschließen.

Die Einnistung des Embryos wird durch Progesteron bis zum Schwangerschaftstest unterstützt. Wir haben uns außerdem für die Teilnahme an einer medizinischen Studie entschieden, bei der Rieke das Progesteron als Tablette einnehmen kann. Normalerweise wird Progesteron als Creme oder Gel angewendet, was deutlich umständlicher ist.

Loopings und Schrauben

Soweit der nüchterne Ablauf. Dass sich die technische Beschreibung einer Achterbahn anders liest, als ein Erfahrungsbericht eines Freizeitparkbesuchers, ist wohl nachvollziehbar. So ist es auch bei uns. Die ICSI am eigenen Leib und der eigenen Psyche zu erfahren ist vollkommen anders.

Rieke hat schon früh Symptome einer Eierstock-Überstimulation, die für gehörigen Nervenkitzel sorgen. Oft mache ich mir ernsthafte Sorgen und überlege, ob ich mit ihr direkt in die Klinik fahren soll. Ihr Bauch schwillt innerhalb von wenigen Stunden an, als wäre sie im fünften Monat schwanger, die Schmerzen kommen plötzlich, Wassereinlagerungen in den Beinen kommen und gehen… Ich will so gerne helfen, aber die Ereignisse machen mich eher hilflos. Ich will nicht panisch werden, aber auch ernsthaften Anzeichen nicht ignorieren. Letzlich finden wir aber zu einer gesunden Einschätzung der Symptome und besuchen die Klinik nur bei ernsthaften Komplikationen. Die Ärzte entscheiden sich aber auch bald dazu, Thrombosespritzen zu verschreiben und eine engmaschige Überwachung anzuordnen.

Das ist auch schon gleich der nächste Punkt. Die Anzahl der Termine habe ich mir so nicht ausgemalt. Sieben Besuche haben wir der Kinderwunsch-Klinik während des ICSI-Zykluses abgestattet, viele Termine mussten spontan vereinbart werden und rutschten somit in die späten Morgenstunden. Rieke kann ihrem Arbeitgeber immer noch nichts von der Behandlung erzählen, daher ist es für sie sehr belastend alle Termine schlüssig zu begründen.

Zu den gesundheitlichen und terminlichen Strapazen kommt noch die Hoffnung, die sich bei jeder Behandlung aufbaut und die auch bei jeder Behandlung herbe enttäuscht werden kann.

Vor unserer ersten ICSI lagen drei Monate behandlungsfreie Zeit, in der ich mich langsam an das Bild gewagt habe, wie mein Leben aussieht, wenn wir kinderlos bleiben. Kann ich in einigen Jahren von „kinderfrei“ sprechen? Finde ich andere Inhalte, mit denen ich mein Leben füllen kann? Das Bild einer kinderlosen Zukunft hat sich schon so sehr in meinem Kopf festgesetzt, dass ich anfangs meine Gefühle kaum wieder auf die Kinderwunschbehandlung ausrichten kann. Doch von Tag zu Tag breitet sich die Hoffnung auf einen Erfolg der ICSI in meinem Herzen aus, auch wenn die gesundheitlichen Beschwerden von Rieke kaum Anlass dafür geben.

Wie geht die Fahrt nun aus?

Ich halte es schon jetzt beim Schreiben kaum aus, daher will ich nun schnell zur Auflösung kommen. War unsere Behandlung erfolgreich? Haben sich unsere Bedenken bewahrheitet? Sind die Spannungen in den Brüsten und das leichte Ziehen im Unterleib Zeichen für eine Schwangerschaft?

Rieke war die letzten Tage vor dem Schwangerschaftstest weit weg von zuhause auf einem Seminar und musste dort alleine die Anzeichen ihres Körpers wahrnehmen und interpretieren. Mir blieben nur kurze Minuten am Abend, um mit ihr zu telefonieren und ihre Stimmung abzuspüren. Noch schwebt auch die Gefahr einer Thrombose in der Luft. Ich halte die Zeit nur schwer aus. Zur Ablenkung stürze ich mich in die Arbeit. Fünf Tage vor dem angesetzten Schwangerschaftstest in der Klinik sinkt bei Rieke die Stimmung ab, vier Tage vor dem Schwangerschaftstest setzen leichte Blutungen ein und wir ahnen bereits, dass die Achterbahnfahrt ihrem Ende zugeht. Die letzten Meter läuft die Fahrt durch einen Tunnel und ich erwarte schon den lauten Knall der Bremsen.

Der eigentlichen Schwangerschaftstest wird um drei Tage vorgezogen und Rieke fährt in die Klinik. Das Testergebnis wird ja immer telefonisch mitgeteilt, in diesem Fall ist es an mir mit der Ärztin das Ergebnis zu besprechen. Schon ihre Stimme macht mir klar, dass das Ergebnis negativ ist. Und genau so ist es. Ich habe das Gefühl, als würde meine Hoffnung gerade in einem Looping durch den Sicherheitsbügel rutschen.

Das Aufbauprogramm

Der Schmerz kommt – wie immer bei mir – zeitverzögert. Die depressive Grundstimmung, die Gefühlsarmut, die Leere im Kopf lösen sich langsam auf und machen einer großen Trauer Platz. Ich merke schnell, dass ich etwas unternehmen muss. Rieke gibt letztlich den Anstoß und ich hole wieder meine Laufschuhe raus. Wir nehmen uns fest vor, wieder mehr Sport zu treiben, die Ernährung gesünder zu gestalten und oft über unsere Situation zu reden.

Den Anfang machen wir direkt am Tag nach dem negativen Schwangerschaftstest. Ich nehme mir früh Feierabend, reserviere einen Tisch, gehe laufen, power mich richtig aus, nehme meine Frau bei der Hand und genieße ein großartigen Abend im Restaurant mit Aperol-Spritz zum Anstoßen und viel Zeit zum reden. Das bringt uns wieder ein bisschen in die Spur.

Jetzt liegt der Schwangerschaftstest vier Tage zurück und ich habe jeden Tag Sport gemacht. Das Körpergefühl und die Stimmung entwickeln sich positiv, sodass ich frohen Mutes in die Zukunft blicken kann.

Viele von euch haben bestimmt ähnliche Situationen erlebt. Wie geht ihr mit den negativen Erlebnissen während der Kinderwunschbehandlung um?