Allgemein, Mein Weg

Ein Jahr ohne Kinderwunsch-Behandlung

07.02.2018
Helge und Rieke vor ihrem Haus

Wir haben vor über einem Jahr unsere Kinderwunsch-Behandlung beendet. Doch was ist dann passiert? War dann einfach alles vorbei? Mitnichten.

Der Kinderwunsch hat uns einiges abverlangt, viele Enttäuschungen warfen uns zu Boden und das Licht am Ende des Tunnels schien schon oft erloschen. Bei all den negativen Erlebnissen wurde uns klar, dass wir eine Perspektive brauchen, die auch ohne Kinder, erfüllend sein kann. Nur, ganz so leicht ist das natürlich nicht. Betrügt man sich nicht selber, indem man eine Zukunftsvision ersinnt, die auch ohne Kinder auskommt? Sind Kinder dann für mich letztlich doch nicht so wichtig, wie ich immer dachte?Ich muss hier eine deutliche Trennlinie ziehen. Mein größter Wunsch ist es (wenn ich mal den Weltfrieden außer Acht lasse), ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Bisher habe ich immer steif und fest angenommen, dass mein Leben nur durch eigene Kinder die Fülle bekommt, die ich mir so sehr wünsche. Allmählich erkenne ich nun aber, dass es auch andere, gehaltvolle Dinge im Leben gibt. Es geht nur darum die Augen zu öffnen, neue Blickwinkel zuzulassen und sich von den eigenen Stereotypen zu lösen.

Gegen Ende unserer aktiven Kinderwunsch-Behandlung haben Rieke und ich eine Vision entwickelt. Einen Plan B, der richtig viel Potential hat. Für diese Perspektive brauchten wir ein schmuckes Häuschen mit etwas Garten, in dem wir uns frei bewegen können und Platz für Begegnung mit unseren Patenkindern und Neffen schaffen können. Wir hatten seit jeher viele wundervolle Momente mit den Kindern unsere Freunde, doch für den Next Step schwebte uns ein Haus mit offenen Türen vor, in das jederzeit Besucher kommen, ein offenes Ohr finden, den Schatten des Gartens genießen, Hausaufgaben machen oder die pubertären Essengelüste stillen können.

Neben diesen Gedanken wollten wir mit einem unperfekten Haus etwas Neues in unsere Beziehung bringen. Wir werden uns vielleicht nie auf eine gemeinsame, sinnvolle Erziehungsmethode einigen müssen, doch dafür können wir gemeinsame Raumkonzepte entwerfen, Wände einreißen, Leitungen verlegen und den Garten gestalten. Für viele ein Graus, doch für uns das nächste Level in unserer Beziehung.

Dieses Haus haben wir tatsächlich gefunden und gekauft. Es ist genauso unperfekt, wie wir es wollen, es hat einen großen Garten und ein riesiger Wald ist schon vom Fenster aus zu sehen.

Die Räume sind ein Traum von Vertäfelung, garniert mit lebensbejahenden Wandfarben, ein Pool und eine Doppelgarage runden das Ganze mit einer gewissen Spießigkeit ab. Nein, keine Sorge, so wird es nicht bleiben. Die Vertäfelung muss runter, die Wandfarbe weichen und die Raumaufteilung einer grundlegenden Neuplanung zum Opfer fallen. Nur den Pool und die Doppelgarage werden wir für das kleinbürgerliche Gepräge behalten.

Dass die Innenräume mit ihrem 70er Jahre Charme nicht so ganz zu uns passen, hat genau den Vorteil, den wir gesucht haben: Wir werden uns das Haus zu Eigen machen. Es ist kein Haus von der Stange, sondern am Ende unser individuelles Paradies, unser Rückzugsort, unsere Begegnungsstätte. Dort können wir mit der Familie, lieben Freunden und deren Kindern gemeinsam am Tisch sitzen, Übernachtungsgäste empfangen und Gartenfeste feiern.

Die praktische Umsetzung

Wir nutzen unsere Freizeit, um an unserem Haus zu arbeiten. Wir haben das Obergeschoss entkernt, das Dach vollständig gedämmt, Wasser- und Stromleitungen verlegt, Wände gestellt, geflucht und uns gefreut. Von allem war etwas dabei. Auch Rückschläge mussten wir hinnehmen, denn eine putzige Familie von Ratten hat unserem Haus einen Keller hinzugefügt. Mit Großgroßvätern, Cousinen und Schwippschwagern; das volle Programm. Das hatten wir uns unter einem „gastfreundlichen Haus“ natürlich nicht vorgestellt, auch konnten wir uns mit den Ratten nicht über einen Untermietvertrag einig werden. So mussten wir sie am Ende rausschmeißen. Leichter geschrieben als getan, aber irgendwann hat es geklappt.

Anders als viele Familien und Paare in unserem Umfeld, lassen wir uns mit der Sanierung des Hauses Zeit. Wir haben keine Kinder, die in offene Steckdosen fassen oder sich an Werkzeugen verletzen könnten; wir arbeiten, wenn wir Lust haben, teilen uns die Kräfte ein und kommen langsam vorwärts. Wir haben keine Eile. Die wichtigsten Dinge sind erledigt, jetzt geht es maßgeblich um die Renovierung, also die Gestaltung der Räume. Wir können schon gut in dem Haus leben, auch wenn teilweise noch die Wandfarben der Vorbesitzer zu sehen sind. Da sich die Baustelle von Raum zu Raum bewegt, bleibt aber der Großteil des Hauses bewohnbar – und Platz ist für uns zwei nun wirklich nicht das Problem.

Neben den Arbeiten am Haus hat sich wenig verändert. Wir arbeiten, essen, schlafen und fahren hin und wieder in den Urlaub. Die Kinderwunsch-Behandlung haben wir weiterhin ruhen lassen, aber ein Hintertürchen steht noch offen – wir verzichten auf sämtliche Verhütungsmethoden. Bisher hat aber niemand dieses Hintertürchen genutzt.

Ich kann sagen, dass mir der Abbruch der Kinderwunsch-Behandlung gut getan hat. Eine schwere Last ist mir von den Schultern gefallen und mit den Monaten wurden wieder andere Dinge wichtig. Das tägliche Thema Kinderwunsch wird von anderen Inhalten abgelöst und nimmt nicht mehr so viel Raum ein. Doch ganz abgeschüttelt habe ich den Umstand nicht, dass wir keine Kinder haben können. Der Kinderwunsch wird wohl immer mein Begleiter sein. Die Zeit hat aber auch gezeigt, dass ich mit meinem unerfüllten Wunsch besser leben kann. Die Freuden des Lebens zeigen sich in aller Klarheit und der Nebel der – auch psychischen – Belastung hat sich fast verzogen. Wir sind angekommen und haben Ruhe gefunden. Voll Neugier schauen wir nach vorne und sind gespannt, was uns das Leben noch bringen kann. Unsere Türen stehen offen!

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8 Kommentare

  • Antworten Claudia 08.02.2018 at 12:20

    Ihr beiden, ich finde das liest sich wunderbar. du hast das richtig geschrieben, „nur“ neue Blickwinkel zulssen und sich von Stereotypen lösen….Letzteres fällt mir nicht leicht. Bin ja in der gleichen Situation. Nach 4 ICSI ist bei uns Schluß und ja, ich lebe noch. Schwierigkeiten hab ich nur noch wenn andere mich mit Mitleid anschauen. Dann ziehe ich mich zurück. Auch wir renovieren (leider ohne Waldblick, aber mit schönem Garten) und genießen andere Themen. Ab und zu ploppt ein „sollten wir nicht doch noch…haben wir alles getan….“-Gedanke hoch, aber dann schrecken wir vor dem emotionalen Schmerz zurück, der psychischen Belastung. Klar, bleibt ein Schmerz, eine Trauer-aber sie verändert sich.
    Ich wünsch euch weiterhin frohes Renovieren! Schön zu wissen, man ist nicht allein mit dem Problem…
    Claudia

  • Antworten Katrin 10.02.2018 at 14:40

    Lieber Helge,
    ich war bisher stumme Leserin deines Blog und ich finde es gut, dass du in diesem Beitrag klar stellst, dass man mit dem Kinderwunsch nie so richtig abschließen kann sondern, dass er immer stiller Begleiter sein wird. Ich habe nämlich schon befürchtet, dass es nur mir uns meinem Mann so geht.Wir arbeiten uns auch gerade wieder aus dem Tief der aktiven Kinderwunschzeit in ein Leben mit anderen Perpektiven und ich kann dir versichern, der Hausbau hilft dabei sehr 🙂
    Liebe Grüße aus der Pfalz
    Katrin

  • Antworten Bina 16.02.2018 at 10:53

    Hallo Helge, Dein Blog ist so bewegend. Ich habe Dich im Radio in einer Sendung zum Thema unerfüllter Kinderwunsch gehört und fand es beachtenswert, wie Ihr mit dem Thema umgeht. Ich wünsche Euch alles Gute in dem neuen Haus und sollte jemand doch noch das Hintertürchen nutzen, ich würde mich unbekannterweise aus der Ferne riesig für Euch freuen.
    Ich bin Mutter einer Tochter und bei uns hat es damals einfach geklappt. Wir wussten dieses Geschenkt zwar zu schätzen, aber wir sollten auch noch den Schmerz des unerfüllten Kinderwunsches kennen lernen. Irgendwann wünschten wir uns weitere Kinder und die sind uns -zumindest bisher- nicht geschenkt worden. Nach einer Eileiterschwangerschaft war das erste Mal, dass ich realisierte, dass es sein kann, dass es keine weiteren Kinder mehr geben wird. Wir haben uns nie in Behandlung begeben, ich glaube, dazu kann ich die Kraft nicht aufbringen 🙁 Bei uns ist natürlich die Besonderheit, dass wir ja schon Eltern sind. Und so erfreuen wir uns umso mehr an unserer nun schon 10-jährigen Tochter. Was aber hinzu kommt: unsere Tochter wünscht sich sehnlichst ein Geschwisterchen und hadert sehr damit, diesen Wunsch möglicherweise aufgeben zu müssen. Das schmerzt auch uns als Eltern, diese Gefühle bei unserem Kind mitzuerleben.
    Dennoch sind wir dankbar und glücklich. Und wünschen allen Paaren der Welt mit Kinderwunsch, dass ihnen dieser erfüllt wird <3
    Viele liebe Grüße

    • Antworten Helge 16.02.2018 at 15:38

      Hi Bina,
      danke für deine lieben Worte und deine persönliche Geschichte. Die Radiosendung im Deutschlandfunk war ein riesiges Abenteuer, das ich sicher nicht vergessen werde. Gerade mache ich mich auf den Rückweg in den hohen Norden. Gerne wären wir auf noch viele weitere Punkte eingegangen, aber die Zeit war knapp.
      Ich habe oft mit Menschen gesprochen, die sich ebenfalls weitere Kinder wünschen, und habe gelernt, dass ein Vergleich mit kinderlosen Paaren (oder auch Singles) unnötig ist. Jede Situation schmerzt. Auch du brauchst dich, aus meiner Sicht, nicht zurückhalten. Es ist deine Trauer, die Trauer deiner Tochter und deines Mannes. Ich vermute, es ist nicht weniger oder mehr schlimm, als bei uns. Vielleicht anders. Es freut mich aber, dass du die Freude über dein Kind umso bewusster erleben kannst. Gehe einfach den Weg, der sich für dich gut anfühlt – ob mit oder ohne Kinderwunsch-Klinik, ganz gleich.
      Du schließt dich in die Wünsche an Paare mit Kinderwunsch ja ebenfalls mit ein, somit schließe ich mich diesem Wunsch ebenfalls an 😉
      Viele liebe Grüße zurück!

  • Antworten Anonym 17.02.2018 at 15:22

    Ich habe schon öfter hier vorbeigeschaut und mich gefreut, als ich wieder etwas Neues von euch las.
    Ich habe großen Respekt vor eurer Entscheidung, es nicht weiter aktiv zu versuchen, denn meiner Meinung nach gehört dazu mehr Mut, als sich von Behandlung zu Behandlung zu schleppen.
    Auch euren Plan vom offenen Haus bewundere ich. Ich versuche Kinder eher zu meiden (und mir fehlt noch ein guter Plan X). Im Freundeskreis sind die meisten Kinder glücklicherweise schon größer und älter; jedoch wird es nicht mehr lang dauern bis Neffen und Nichten eigenen Nachwuchs haben und ich weiß nicht, ob ich gut damit umgehen können werde.
    Ich wünsche euch, dass der Gedanke an die Hintertür und wenn sie ungenutzt bleibt nicht doch irgendwann belastet. Vielleicht erleichtert er auch den „Ausstieg“ bzw. fällt mir das Aufgeben so schwer, weil es keine Hintertür gibt.

  • Antworten Der Deutschlandfunk und ich | Vaterwunsch 24.05.2018 at 21:09

    […] männliche Hilflosigkeit, „Entspannt euch doch mal“-Ratschläge oder unser gelebter Plan B. Soweit nichts Neues. Doch das Gespräch, die unterschiedlichen Meinungen der Hörer, die […]

  • Antworten Christin 25.05.2018 at 11:52

    Ich habe Gänsehaut und Tränen in den Augen. Ihr seid großartig! Ein grandioses Team. Die Vorstellung von eurem Haus mit offenen Türen, Ohren und Armen ist toll und ich bin mir sicher ihr werdet nie alleine sein. Ich wünsche euch alles Glück der Welt 🖤

  • Antworten Nancy 15.08.2018 at 18:13

    Ich habe ein Buch geschrieben, welches vielleicht für die Leser hier interessant sein könnte. 🙂

    Wie schwer kann es sein, schwanger zu werden?!

    Das Buch Kinderwunsch – der harte Weg zum Wunschkind verrät die Antwort!
    Weitere Infos zum Buch auf http://www.facebook.com/autorenseitenancynoack

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