Gesellschaftlich

Childless not by choice? No chance!

09.04.2017
Helges Erlebnis auf einer Hochzeit

Letzte Woche durfte ich mal wieder eine typische Situation erleben, vielleicht kennt ihr sie auch. Da kommt man gut gelaunt auf eine Hochzeit, wird einem Tisch zugewiesen und stellt fest, die gesamte Runde noch nie gesehen zu haben. Na gut, lernt man halt neue Gesichter kennen.

Doch noch vor dem ersten, von sicher zahllosen weiteren Vorträgen, wird man vom Nachbarsmann gefragt, wo denn die eigenen Kinder wären. „Wir haben keine“, ist meine knappe Antwort. „Ach so. Mmh.“ Kurze Pause. „Die kommen schneller als man denkt. Manchmal wünsche ich mir auch, wir hätten mit den Kinder noch ein bisschen gewartet. Meine Frau hatte noch ein gutes Jobangebote, wollte aber nicht wechseln, wegen der Probezeit“, kommt der Kommunikationsball wieder zurück geflogen. Puh, das wird ja langsam Kinderwunsch-Ping Pong. „Nein, wir können keine Kinder bekommen“, schnibbel ich den Ball zurück. „Oh. Achso.“ Pause. „Na, wartet mal ab. Ich habe da einen Freund, bei dem…“, ich merke, heute sollte ich mich ausführlich der alkoholischen Kulinarik zuwenden. „Es mag sein, dass Sie jemanden kennen, aber ich darf Ihnen versichern, dass WIR keine Kinder bekommen werden.“ So, den bekommt er sicher nicht wieder zurückgespielt – hoffe ich.

Die Eröffnungsrede des Brautvaters beendet das Gespräch und ich kann mich in eine gute Sitzhaltung für die Freigabe des Buffets bringen. Leider zu früh, es folgen erst noch musikalische Lobpreisungen des Brautpaares, die mir bis ins Mark dringen, bevor die Vorspeise serviert wird. Salat. Am Platz. Keine Chance zur Flucht.

„Mal über Adoption nachgedacht?“

nimmt mein Sitznachbar die Unterhaltung wieder auf. Och nö, echt jetzt? „Nein, noch nie von gehört!“ möchte ich provokant sagen, bringe aber ein diplomatisches „Ja, haben uns dagegen entschieden“ hervor und ärgere mich noch immer über das Grünzeug auf meinem Teller. „Es gibt doch so viele Flüchtlingskinder, die man adoptieren könnte.“ Diesem Schmetterball fühle ich mich nicht gewachsen. Ich schiebe mir schnell eine Gabel von dem grünen Allerlei in den Mund und entschuldige mich gestenreich, dass ich gerade nicht sprechen könne. Wie kommt der Kerl darauf, auf der Straße stünden zig Kinder, die schon seit Monaten alle Erwachsenen anflehen, sie doch bitte zu adoptieren. Außerdem, mit einem traumatisierten Flüchtlingskind aus Syrien ist die Gründung einer Familie sicher ein Kinderspiel. Nach einer Weile antworte ich dann aber nur „Nein, eine Adoption ist für uns wirklich keine Option.“ Ich sehe direkt, wie in seinem Kopf der Gedanke rumschwirrt, dass ich dann wohl nicht ernsthaft Kinder haben möchte.

Da unser Gespräch ja bereits so harmonisch läuft, denkt sich mein Gegenüber, er könne da wohl noch einen weiteren Rat loswerden. „Manche legen sich ja dann auch einen Hund zu.“ Ein Hund, genau. Ist ja eigentlich auch das Gleiche. Hund, Kind, egal. Abgesehen davon, dass ich mir den einzigen Vorteil, den meine Kinderlosigkeit hat, wieder zunichte mache: Die Möglichkeit, ohne große Planung in den Urlaub zu fahren, abends spontan noch irgendwo zu bleiben oder am Wochenende bis 12:00 Uhr auszuschlafen – all dies kann ich sehr genießen. Diese Freiheit entschädigt mich, wenn der Kinderwunsch mal wieder ans Hinterstübchen klopft. Gut, kann er nicht wissen.

Matt antworte ich: „Ja, wir haben schon überlegt uns einen Chihuahua zu bestellen.“ Göttlich, dieser verstörte Blick. Dennoch fühle ich mich wie ein Verlierer, der gesenkten Hauptes vom Platz schlurft. Apropos schlurfen: Ich denke, ich sollte dringend an einem guten Whisky nippen.

Mir schießt noch der Gedanke durch den Kopf, dass ich unbedingt mal nachschlagen muss, weshalb es eigentlich unter Höchststrafe verboten ist, seine eigene Kinderlosigkeit und die der anderen einfach zu akzeptieren.

11 Antworten

  • Reply Ika 10.04.2017 at 10:24

    Hallo Helge, ja so Situationen kenne ich, aber zum Glück noch nicht viele. Wir sind ja noch jung und haben erst vor kurzem geheiratet. Auch haben die meisten unserer Freunde noch keine Kinder – zum Glück muss ich sagen, denn selbst die wenigen Nachfragen, die zu dem Thema kommen, empfinden wir immer als sehr belastend. Wir gehen mit dem Thema momentan – anders als ihr – nicht offen um, denn die Blicke und dann erst Recht die Nachfragen können wir derzeit (noch) nicht ertragen. Finde es gut, wie souverän du das handhabst! Alles Gute

  • Reply Katrin 12.04.2017 at 12:27

    Hallo Helge, ich hatte neulich erst wieder eine Diskussion mit einer Kollegin darüber, dass es NICHT OKAY ist, andere Menschen zu fragen, warum sie keine Kinder haben. Also außer wenn das Thema darauf kommt und diese Information von sich aus angeboten wird. Genauso wie man Frauen, die ein bisschen rund in der Mitte sind nicht fragt ob sie schwanger sind! Ist doch nicht so schwer.
    Respekt jedenfalls dafür, wie du das mit deinem trampeligen und respektlosen Nachbarn gehandhabt hast.

    • Reply Helge 12.04.2017 at 17:22

      Moin Katrin,
      grundsätzlich gebe ich dir recht, dass Kinderwunsch kein Smalltalk-Thema ist. Meine Ablehnung hat sich aber etwas aufgeweicht, jedoch ist bei meinem Beispiel eine Grenze weit überschritten worden. Dieser Beitrag sollte aber eher zum Schmunzeln anregen, denn wie heißt es so schön: Nur wundern, nicht ärgern! 😉

  • Reply Franzi 12.04.2017 at 16:01

    Puuuuh, Empathie ist wirklich nicht jedem gegeben. Was ein großer Sch***. Ich hätte mit dir das Glas gehoben!

    • Reply Helge 12.04.2017 at 17:23

      Liebe Franzi,
      es wäre mir eine Freude gewesen. Aber dann halt: Fernprost!

  • Reply Elaine 13.04.2017 at 9:55

    Helge, du bist der Hammer! Wie du das alles auf den Punkt bringst in einem einzigen Text, und dann ist es auch noch witzig, obwohl sowas in der Situation selbst alles andere als lustig ist (selbst erlebt)… Chapeau!

    • Reply Helge 13.04.2017 at 10:02

      Liebe Elaine, vielen Dank! Es freut mich, dass ich dir mit meinem Text ein wenig Freude bereiten konnte. Lieben Gruß in die Schweiz!
      An alle weiteren Leser: Schaut mal auf elaineok.com vorbei, ihr Blog lohnt sich – definitiv.

      • Reply Elaine 03.05.2017 at 16:31

        Danke, Helge, fürs Verlinken!
        Ich habe mich sehr gerne revanchiert und dich ebenfalls in meine Linksammlung aufgenommen.
        Verregnete Frühlingsgrüsse aus dem Süden!

  • Reply Eva 02.05.2017 at 18:33

    Vielen Dank für diesen tollen Blog und schön zu sehen, dass man nicht alleine ist! Du hast wirklich einen wunderbaren Schreibstil und man kann sich wirklich nur wundern, wie trampelig manche Leute bei ihrer Konversation sind *mitdenaugenroll*!

    • Reply Helge 02.05.2017 at 20:01

      Vielen Dank, liebe Eva. Mittlerweile amüsieren mich solche Situationen, trotz aller Trampeligkeit. Ich denke aber dennoch, dass Aufklärungsarbeit wichtig ist.

  • Reply Helge trifft Mona Lisa | Vaterwunsch 09.06.2017 at 19:05

    […] unserem jetzigen Lebensmodell gegenüber, erlebe ich selten. Ich habe über diese Situationen schon einen Beitrag geschrieben. Vor allem aber wollen wir diejenigen stärken, die einfach “nur” unsicher […]

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