Die drei Schuppen der Meerjungfrau

Die drei Schuppen der Meerjungfrau

Rieke möchte sich schon seit längerer Zeit tätowieren lassen. Es soll ein Motiv sein, dass für sie Bedeutung hat, aber was das genau sein könnte, konnte sie sich noch nicht ganz vorstellen. Es soll Ausdruck unserer Geschichte sein, mit all den Leiden und Freuden. Wir sind dem Meer sehr verbunden, daher sollte es ein maritimes Motiv sein. Das Thema Kinderwunsch und unsere Herzenskinder haben sie so in ihrem Leben geprägt, dass das Motiv sich auch darauf beziehen soll. Ein Stern für jedes Sternenkind ist ihr dann aber doch zu plakativ.

Beim Samstagsfrühstück letzte Woche kam ihr die kleine Meerjungfrau in den Sinn. Kennt ihr die freud- und leidvolle Geschichte der kleinen Meerjungfrau? Also, nicht die Disneyvariante mit Arielle, sondern das Original von Hans Christian Andersen? Genau so. Sie lebt im Meer, aber das Land ist so reizvoll, dass die Meerjungfrau sich im Meer nicht so richtig zuhause fühlt. Sie will an Land und vom Prinzen geliebt werden, schafft es aber nicht. Obwohl sie sich sogar entscheidet die Gestalt der Meerjungfrau gegen die einer Menschenfrau einzutauschen, bleibt ihr Vorhaben erfolglos. Die Umwandlung ihrer Gestalt ist unumkehrbar, doch trotz dieses Opfers kann sie den Prinzen nicht für sich gewinnen. Dieses Märchen lässt viel Interpretationsspielraum, in dem sich auch unsere eigene Geschichte unterbringen lässt.

Die Meerjungfrau als Tattoo könnte auf eine sehr charmante Art als Trägerin unser Herzenskinder dienen. Für jedes verlorene Kind kann sie eine besonders schillernd bunte Schuppe gemalt bekommen. Ursprünglich waren zwei Schuppen vorgesehen… Aber nun ist eine dritte hinzugekommen.

Es verblüfft mich gerade selber, aber beim Schreiben diese Einleitung, mit der ich mich dem Thema aus einer ganz anderen Ecke nähere, habe ich einen Zugang zu Gefühlen in mir gefunden, die ich vorher nicht verspürt habe. Schauen wir mal, wohin mich diese Gefühle führen werden.

Die dritte Schuppe der Meerjungfrau

Ich blicke auf eine aufregende und durchaus glückliche Zeit zurück, in der Rieke schwanger war, der hcg-Wert nach oben ging und alle Ampeln auf grün standen. Wir haben uns immer eingebildet, wenn es noch einmal klappt, ein drittes Mal, dann werden wir ein Baby auf den Armen tragen können. Unser eigenes, nicht nur ein geliehenes. Und plötzlich sah es dann tatsächlich danach aus. Auf Twitter konnte ich meine Freude nicht mehr zurückhalten und verkündete die frohe Botschaft. Die Vielzahl der Beglückwünschungen ist für mich immer noch total überwältigend.

Doch wechseln wir nun von der Vergangenheitform in die Gegenwart. Der hcg-Wert steigt nicht ausreichend, die Schwangerschaft ist nicht intakt, ein Ultraschall zeigt keine Fruchthöhle oder gar ein Embryo, ein eigenes Kind wird uns nicht vergönnt sein. Die Nachricht ist wie ein Paukenschlag, auch wenn es mich nicht so sehr trifft, wie bei der letzten verlorenen Schwangerschaft (siehe Helge wird wieder Herzensvater). Rieke zerläuft aber förmlich in meinen Armen. Es ist schrecklich mit anzusehen und bricht mir das Herz. Ganz liebe Freundinnen, ihre Mutter und ich versuchen ihr Stütze zu sein und langsam kommt sie wieder auf die Beine.

Es dauert eigentlich nicht so lange, vielleicht zwei, drei Tage, bis Rieke die heftigesten Gefühle des ersten Schmerzes überwunden hat. Doch noch haben die Blutungen nicht vollständig eingesetzt. Sie beginnen zwar, sind aber viel zu gering und zu schnell vorbei. Die Blutung ist schon bei den ersten zwei Fehlgeburten ein wichtiger Teil ihrer Verarbeitung gewesen.

Wenn’s kommt, dann dicke

Irgendwas läuft nicht ganz richtig. Rieke ist in engmaschiger Kontrolle bei der Frauenärztin. Die Blutwerte zeigen, dass der hcg-Wert nicht ausreichend absinkt, dazu bricht ihr Kreislauf immer wieder weg und sie hat plötzlich Schmerzen im Unterleib. Unsicherheit macht sich breit: Doch eine Eileiterschwangerschaft?

Die Frauenärztin hat Rieke in jedem Telefonat mindestens zwei mal eindrücklich gebeten: „Wenn sie Schmerzen oder ungewöhliche Kreislaufbeschwerden haben, fahren sie ins Krankenhaus!“  Vorgerstern tat ihr dann beim Fahrradfahren plötzlich die rechte Leiste weh und der Kreislauf verabschiedete sich plötzlich, Oberbauchdruck blieb. Da haben wir uns doch für einen Besuch im Krankenhaus entschieden. Rieke musste die letzen 24 Stunden in der Klinik verbringen, da das Ultraschall bei der Aufnahme, laut Oberärztin, etwas auffällig war. Schon da war aber die Vermutung, dass die Gelbkörperzyste geplatzt ist, die vorher noch da war, nun aber weg ist. Das könnte auch die Beschwerden verursacht haben. Der Ärztin ist eine Überwachung dann aber doch lieber und so wird Rieke zur Kontrolle stationär aufgenommen. Am Ende zeigt sich am folgenden Tag in der Sonografie das zweite Ultraschall unauffällig und eine Operation ist nicht notwendig. Der hcg-Wert sinkt von alleine und kann ambulant weiter kontrolliert werden. Rieke wird entlassen und wir können nun doch noch die Ostertage zuhause und bei Freunden verbringen. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie erleichtert ich bin. Ein tonnenschwere Last wird mir von den Schultern genommen.

Unser Weg entlock mir in solchen Phasen immer mal wieder ein „Puh“. Ein „Puh“, für ganz schön aufregend, ganz schön anstregend, ganz schön viel Leben spüren. Es stellt sich mir immer mal die Frage, ob die Kinderwunschzeit am Ende meines Lebens ein bunter Flecken sein wird oder ein bedeutendes Erlebnis, das mein Leben entschieden gelenkt hat. Kann ich die Größe ihrer Bedeutung in meinem Leben selbst bestimmen oder sind sie so massiv, dass sie mich, meine Beziehung, meinen Lebensweg maßgeblich beeinflussen. Sind sie wirklich ein Tattoo wert?

Was meint ihr? Wieviel Bedeutung messt ihr eurer Kinderwunschgeschichte bei? Ist sie ein Tattoo für die Ewigkeit wert?

Kurzmitteilung

Kinderwunsch Unplugged

Claudia vom Wegweiser Kinderwunsch hat mit mir ein Gespräch über meinen Kinderwunschweg, meine Intention diesen Blog zu schreiben, persönliche Tiefpunkte und meine Quellen für Kraft und Mut geführt. Schaut doch mal rein:

Kinderwunsch Unplugged: Helge will Vater werden. Aber was, wenn es nicht klappt?!

Vielen Dank, liebe Claudia, für dieses angenehme Gespräch!

Helge mit Adoptivkindern

…aber ihr könnt doch adoptieren

In meinem letzten Beitrag ging es um lieb gemeinte Ratschläge, die weniger helfen als schmerzen. Dabei kam ich auch auf die Floskel „Aber ihr könnt doch adoptieren“ zu sprechen. Dieses Thema möchte ich gern nach meinem Standpunkt genauer ausgeführen.

Der Ratschlag, man könne doch adoptieren wirft unseren Kinderwunsch in einen Topf mit einer Adoption. Die logische Folge lautet scheinbar: Zuerst versucht man es mit unverhütetem Sex, danach wird die reproduktivmedizinisch unterstützte Behandlung ausgereizt, bevor dann die Adoption als adäquates Mittel zur Befriedigung des Kinderwunsches herhält. Diese Liste ließe sich vermutlich noch um den Punkt, sich als Pflegeeltern zur Verfügung zu stellen, ergänzen.

Der Wunsch sich fortzupflanzen

Für uns ist die Adoption jedoch ein völlig losgelöstes Thema. Nicht uninteressant, aber auch nicht im gleichen Atemzug mit unserem Kinderwunsch zu nennen. Wir sehnen uns – ganz egoistisch – nach einem Kind, in dem wir uns wiederfinden können, das eine Verschmelzung unserer genetischen Anlagen in sich trägt. Ich liebe meine Frau und finde, dass die Welt eine kleine Ausgabe von ihr gut gebrauchen könnte. Wenn ein wenig von mir ebenfalls in dem kleinen Wesen aufblitzt, wäre es für die Welt (hoffentlich) auch nicht zum Nachteil. Der Wunsch nach einem Kind hängt mit unserer Evolution zusammen, mit dem Trieb sich fortzupflanzen.

Ein Kind zu adpotieren bedeutet sicher auch Familie sein zu können, einem kleinen Wesen den Weg in diese Welt zu weisen, gemeinsame Werte zu vermitteln. Doch der Absender des Ratschlags berücksichtigt nicht, welche evtl. Schwierigkeiten im Leben mit einem Adoptivkind schlummern, welche Themen die Erziehung eines adoptierten Kindes bereithält. Besonders in der Pubertät beginnt ein Kind seinen Standpunkt zu entwickeln, seine eigene Basis zu stärken, sich zu verorten, seine Grundsätze zu formen, die eigenen Eltern in Frage zu stellen. Nur wer sind die eigenen Eltern? Dass in dieser Phase grundlegende Zweifel aufkommen, ist wahrscheinlich, da die Fragen „Wo komme ich eigentlich her?“ und „Warum erkenne mich in meinen Eltern nicht wieder?“ nicht vollständig beantwortet werden können. Für ein leibliches Kind sind diese Krisen vermutlich anders, wenn nicht gar leichter, zu bewältigen – wie auch für die Eltern.

Ein Familienleben mit eigenen oder Adoptivkindern sind für mich zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

Ob das so stimmt, weiß ich nicht, aber diese Gedanken schwirren mir bei der Frage nach einer Adoption im Kopf herum. Das Leben mit einem adoptierten Kind wäre, jedenfalls für mich, ein anderes. Das scheint jedoch in dem Ratschlag „Aber ihr könnt doch adoptieren“ keine Berücksichtigung zu finden.

Adoptieren, um zu helfen?

„Aber ihr könnt doch adoptieren“ beinhaltet manchmal auch die Auffassung, dass Horden von Kindern, die von verantwortungslosen Eltern ausgesetzt und ausgestoßen wurden, nur sehnlichst darauf warten endlich von potentiellen Adoptiveltern in eine liebevolle und gut situierte Famile aufgenommen zu werden. Wenn diese Vorstellung stimmen würde, könnten wir ja eigentlich gleich Montag zu IKEA fahren, die Einrichtung für das Kinderzimmer einkaufen und danach ein dazu passendes Kind auswählen. Dass hier aber Vorstellung und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen, zeigen die folgenden Zahlen.

Im Jahr 2014 waren 5.765 Adoptionsbewerbungen vorgemerkt, denen 3.805 zu adoptierende Kinder und Jugendliche gegenüberstanden. Das sieht auf den ersten Blick recht erfolgversprechende aus, denn auf jedes Kind bzw. jeden Jugendlichen kommen nur 1,5 Bewerbungen. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass über 60% der Adoptionen von Verwandten oder Stiefeltern angenommen wurden, steht die eigene Bewerbung plötzlich in Konkurrenz zu 3,9 anderen Bewerbungen. Die Wahrscheinlichkeit ein Kind oder Jugendlichen adoptieren können liegt somit nur bei 25,9%. Wenn nun  noch persönliche Vorlieben, wie z.B. Alter zwischen 1-2 Jahren, deutsch, keine Frühgeburt, berücksichtigt werden sollen, bewegt man sich schnell im einstelligen Prozentbereich.

Dass eine Adoption eine selbstlose Hilfe für arme, verwaiste Kinder darstellt, ist scheinbar eine weitverbreitete Annahme. Dabei muss sich niemand aufopfern, um die armen Kindern zu adoptieren. Die Schlangen von willigen Paaren sind lang und für jedes zu adoptierende Kind wurde in Deutschland bisher ein Elternpaar gefunden. Man könnte in diesem Zusammenhang auch von „Nachfrage“ sprechen, aber dann stempelt ihr mich vermutlich endgültig als emotionslos ab.

Sich für eine Adoption zu entscheiden bedeutet demnach, sich auf die Ungewissheit einzulassen. Nicht zu wissen, ob man eine Familie gründen kann. Es ist mit viel Zeit verbunden – Zeit der Vorbereitung und Zeit des Wartens. In meiner Vorstellung ist es dem unerfüllten Kinderwunsch nicht fern: Hoffen, bangen und der Ausgang ist ungewiss. Ich vermute auch eine Entscheidung zur Adption braucht viel Energie und Kraft.

Grundsätzlich bin ich ein großer Befürworter des Systems, nach dem in Deutschland Adoptionsverfahren durchgeführt werden. Paare ohne Kinder, aber mit dem Wunsch nach einem Familienleben, haben die Möglichkeit sich diesen Wunsch zu erfüllen. Kinder, deren Eltern nicht imstande sind, sich ausreichend zu kümmern, bekommen eine aussichtsreiche Alternative geboten. Auch Eltern oder alleinlebenden Müttern wird ein legaler Weg aufgezeigt, ihr Kind in eine umsorgte Zukunft zu geben, wenn sie selber ihrem Kind keinen ausreichenden Schutz bieten können. Auch wenn die Verfahren viel von den zukünftigen Adoptiveltern abverlangen, sind sie in meinen Augen notwendig, um einen verantwortungsvollen Umgang mit jungen Existenzen zu gewährleisten.

Ihr seht, eine Adoption ist in meinen Augen nicht unproblematisch und kommt für uns zur Zeit nicht in Frage. Unseren Wunsch nach (genetischer) Verschmelzung wird durch das Adoptieren eines Kindes nicht erfüllt, der bürokratische Aufwand schreckt uns ab und mögliche Identitätskrisen machen uns (ein wenig) Angst. Mal abgesehen davon: Warum kann die Alternative denn nicht auch einfach Kinderfreiheit sein?

Die Statistiken zur Adoption in Deutschland entstammen den Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe „Adoptionen 2014“ vom 29.09.2015 des Statistischen Bundesamtes.
Helges Kinderwunsch Ratschläge

Ratschläge sind auch Schläge

Seit nunmehr sechs Jahren verfolge ich mit meiner Frau den gemeinsamen Kinderwunsch. Wir gehen mit unseren Niederlagen offen um, wenn wir mal Riekes Arbeitgeber außen vor lassen, und stellen uns jeder Diskussion. Erstaunlicherweise werde ich nun urplötzlich dünnhäutig. Mag sein, dass es daran liegt, dass ein gewisser Frustpegel in der Behandlung erreicht ist, kann aber auch sein, dass ich manche Debatten mittlerweile einfach leid bin. Es handelt sich dabei um Ratschläge. Ratschläge, die unweigerlich als Reaktion auf meine Kinderwunschgeschichten folgen.

Haltet durch!

Ihr merkt es bereits, die ewigen Durchhalteparolen werden mein heutiges Thema sein.

Eines möchte ich aber noch vorwegschicken: Ich vermute, dass ich einigen von euch mit diesem Artikel auf die Füße trete, daher sei hier nochmal deutlich gesagt, dass ich eure Anteilnahme schätze und weiß, dass ihr trösten oder mich aufbauen wollt. Dass die gut gemeinten Ratschläge völlig entgegengesetzte Gefühle auslösen, könnt ihr vermutlich gar nicht ahnen. Bis jetzt, denn hier folgt die kleine Helge-Aufklärungsgeschichte.

Die Nicht-Aufgeben-Floskeln kommen ja nicht nur von Unbeteiligten, sondern sogar aus den Reihen der ungewollt Kinderlosen – quasi frindly-fire. Das zeigt, dass es durch die Bank große Unsicherheit im Umgang mit den Schicksalen der ungewollt Kinderlosen gibt. Es ist wichtig, dass wir, die wir keine Kinder bekommen können, keine gesellschaftliche Randgruppe bleiben. Denn allein unsere schiere Zahl (knapp 2 Mio. ungewollt Kinderlose in Deutschland) macht deutlich, dass wir nicht wenige sind.

Gib nicht auf!

Damit sind wir auch schon beim Thema. Nach einer kurzen Exkursion im Bekanntenkreis oder auch im Netz über die jeweils letzte, gescheiterte Behandlung kommen Durchhalteparolen als Reaktion. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Mich setzt diese Einstellung „Du musst es nur lange genug versuchen, dann klappt das schon“ massiv unter Druck. Und, es ist so falsch, denn die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Wir können ja hier mal ausführlich mit einigen Statistiken jonglieren.

Jedes 6. bis 7. Paar benötigt für eine Schwangerschaft ärztliche Unterstützung. Dabei werden durchschnittlich 1,66 Zyklen pro Frau durchgeführt. Die Baby-take-home-rate liegt beispielsweise im Rahmen einer ICSI bei mageren 12,89% pro Versuch, die individuellen Problematiken noch nicht mal mitgezählt. Wenn ich nun aber rechne, dass in Deutschland 17.150 Geburten durch eine Kinderwunschbehandlung (IVF, ICSI, IVF/ICSI, Kryo) erreicht wurden und dafür 85.730 plausible Zyklen notwendig waren, liegt die Erfolgsquote bei 20% pro Versuch. Wenn wir nun einkalkulieren, dass eine Frau  durchschnittlich über 1,66 Zyklen behandelt wird, ist klar, dass 66,79% der Frauen die Kinderwunschbehandlung beenden, ohne ein Kind in den Armen zu halten. Neben diesen Frauen steht natürlich auch immer der/die Partner/in mit leeren Händen da.

Wenn nun alle Paare auch nach einem zweiten Zyklus weiter „durchhalten“ und „nicht aufgeben“, würde die Erfolgsquote dramatisch sinken – da bin ich mir sicher.

Es geht beim „Durchhalten“ also nicht darum, realistische Chancen zu nutzen, sondern die Glückstube auszuquetschen bis auch wirklich kein einziges Prozentpünktchen mehr übrig ist. Wie sehr die Beziehung, die eigene Psyche und der finanzielle Haushalt darunter leiden können, steht zu der Erfolgswahrscheinlichkeit in keinem Verhältnis. So ist jedenfalls meine Meinung.

Du musst dran glauben!

Mit Glauben hat das Ganze nichts zu tun, es lindert höchsten den eigenen Schmerz ein wenig. Die reproduktive Medizin ist keine Religion, sondern eine Behandlungsform, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Herr Prof. Dr. Georg Griesinger, Direktor der Universitären Kinderwunschzentren Lübeck und Manhagen, gesteht zudem sogar in einem Artikel auf Wunderweib.de (siehe unten) ein, dass die reproduktive Medizin bei aller Ärztekunst oft sehr frustrieren abläuft und geringere Erfolge erzielt, als viele andere Fachrichtungen.

Ihr müsst euch entspannen!

Dieser Ratschlag gehört zu den Klassikern. Jessy hat auf ihrem Youtube-Kanal einen wunderbaren Beitrag zu diesem Thema veröffentlicht. Schaut mal in diesen Ausschnitt rein:

Den gesamten Beitrag könnt ihr euch hier ansehen.

Genau das ist der Punkt. Nahezu alle Paare, die bemerken, dass sie Hilfe bei ihrem Kinderwunsch benötigen, haben bereits 1 bis 2 Jahre hinter sich, in denen sie schlicht nicht verhütet haben. Ganz ohne Stress und ganz ohne dem Bewusstsein, dass es Probleme mit dem eigenen Lebensentwurf geben könnte. Die Entspannung hat also bisher keinen Erfolg gehabt. Es ist außerdem utopisch anzunehmen, dass nach den folgenden Jahren der Behandlung wieder ein Zustand der Entspannung eintreten kann. Meist haben die Paare jahrelang Sex nach Plan, 3x täglich Tabletten geschluckt oder Spritzen gesetzt und die Ernährung umgestellt. Dabei kann man sich nicht entspannen. Jede Mahlzeit, jede Spritze und jedes Mal Liebe machen erinnern an die klinische Behandlung, das Fehlen eines Kindes und das drohende Scheiterns des eigenen Lebensentwurfes. Also kommt mir bitte nicht mit „Entspannt euch mal“!

Habt ihr es schon damit oder hiermit versucht? [rhetorische Frage]

Auch ein Ratschlag, der mich wütend machen kann. Was meint ihr, was wir hier machen?

Vielleicht gebe ich euch mal einen kleinen Eindruck: Wir haben ein Regal voll Literatur zu Fruchtbarkeit, Entspannungstechniken und Anatomie. Wir haben private Zusatzversicherungen für heilpraktische Behandlungen, die uns locker 1.850,00 € im Jahr kosten und damit noch günstiger sind, als die heilpraktischen Behandlungen selber. Wir haben chinesische, japanische und friesische Tees getrunken. Wir haben osteopathische Behandlungen genossen. Wir haben abgenommen. Wir machen Sport. Wir haben vegan gelebt, sogar mal glutenfrei und zuckerfrei. Wir haben zahlreiche Blutuntersuchungen machen lassen und sind topfit. Rieke wurde an den Eileitern operiert. Ich habe meiner Frau zahlreiche Fruchtbarkeitsmassagen verpasst. Insgesamt haben wir nun schon über sechs Jahre versucht, ein Baby zu bekommen. Wir haben also schon viel versucht – und, ja, es wird bestimmt noch etwas geben, was wir bisher nicht probiert haben. Und so wird es immer sein. Bitte erwartet nicht von mir, dass ich erst aufgebe, sobald ich alles, wirklich alles versucht habe.

Ich kenne aber jemand, bei dem hat es dann doch geklappt!

Zugegeben, es gibt viele unglaubliche Geschichten von Paaren, die ihren Kinderwunsch schon fast an den Nagel gehängt haben, dann aber doch noch (teilweise nach zehn erfolglosen Jahren) schwanger wurden und nun drei goldige Kinder haben. Das Internet ist ebenfalls voll von Erfolgsmeldungen, die schon keiner mehr erwartet hätte. Richtig. Doch jetzt kommt mein großes ABER!

Wir betrügen uns selber, wenn wir denken, dass ein solches Wunder jeden ereilen kann. So nach dem Motto: „Es hat bei so vielen Paaren geklappt, warum nicht auch bei uns?!“ Warum es bei uns (wahrscheinlich) nichts wird, liegt daran, dass nahezu alle erfolglosen Paare ihren Kinderwunsch aufgeben und ihm vollständig den Rücken kehren. Wenn ihr euch erinnert sind es ca. 66,79% der Frauen, die erfolglos in ärztlicher Behandlung waren. Sie verkehren nicht mehr in den Kinderwunsch- oder Familienforen, sie geben ihren Twitter- oder Facebookaccount auf, streichen #KiWu aus allen Signaturen und suchen nach einem neuen Lebensinhalt.

Es sind nur die erfolgreichen Paare (davon ja in der Regel auch nur die Frauen), die der Welt erzählen: „Gebt nicht auf! Denn wir sind plötzlich nach der zehnten ICSI schwanger geworden.“

Aber, wer weiß?!

Wir haben uns in den Kopf gesetzt, dass nach der dritten ICSI und gegebenenfalls möglichen Kryoversuchen Schluss ist. Schluss im Sinne von „wir gehen durchs Leben ohne Kinder. Wir sprechen gar von Verhütung um wirklich, wirklich abschließen und entspannen zu können. Das kann im September diesen Jahres bereits der Fall sein. Mit diesem Plan stoßen wir nicht überall auf Verständnis. „Gebt doch nicht so früh auf“ , „wer weiß, was Mutter Natur dann noch vollbringen würde“ und andere Rückmeldungen suggerieren, dass wir uns nicht ausreichend anstrengen, dass wir uns finanziell noch nicht ausreichend belasten, unser Nervenkonstrukt noch nicht abschließend zerhackt ist und uns gar nicht ausreichend ein Kind wünschen. Ich persönlich halte es für eine immense Leistung, wenn wir überhaupt noch die dritte ICSI schaffen. Ich denke jeder hat das Recht auf seine eigenen Grenzens. WIR müssen mit der Kinderlosigkeit leben, nicht ihr. Und jetzt kommt mir nicht mit dem Generationsvertrag…

…und wie sieht´s mit Adoption aus? Habt ihr daran mal gedacht?

Ach ja, die armen Kinder, um die sich niemand kümmern möchte… Dieses Thema lass ich jetzt mal unkommentiert. Dafür möchte ich einen eigenen Beitrag schreiben, der aber bald folgen wird.

Jetzt nöl‘ hier mal nicht so rum, was willst du denn eigentlich?

Wie ich schon zu Beginn erwähnte, will ich euch nicht vor den Kopf schlagen. Ich möchte erklären, wie ich (und vielleicht ja auch einige andere) ticken und warum manche Floskeln nicht den beruhigenden Effekt haben, den der Absender eigentlich erzielen wollte. Es freut mich sehr, wenn mein Gegenüber interessiert Fragen stellt und es ist auch aufmunternd, wenn mir viel Glück oder alles Gute gewünscht wird. Ein offenes Ohr ist mir tausendmal lieber, als ein abgedroschener Ratschlag.

Der unerfüllte Kinderwunsch ist bei den Betroffenen ein zentrales Thema. Es soll keinen Wunsch geben, der so intensiv ist, wie der Wunsch nach eigenen Kindern. Das hat nichts mit dem Verlangen nach dem neuen iPhone oder einem eigenen Hund zu tun. Mir ist es eine Herzensangelegenheit, dass Kinderwunschbehandlungen und Kinderlosigkeit in der Gesellschaft thematisiert werden. Denn: Wir sind viele! Zugegeben, diesen Satz habe ich von Isa vom Blog „Wonderland“ geklaut und hier in einen neuen Zusammenhang gestellt.

Ich wünsche mir, dass wir miteinander reden, dass Mütter, Väter und Unbeteiligte den ungewollt Kinderlosen Fragen stellen, dass die Betroffenen sich nicht in die Opferrolle begeben und über ihre Gefühle reden. Ich wünsche mir, dass jeder seinen individuellen Weg geht und dass dieser von anderen respektiert wird. Es soll sich niemand für seine Versuche ein Kind zu bekommen oder dies zu unterlassen schämen, niemand soll ausgegrenzt werden und niemand soll unverstanden sein.

Das war meine kleine Aufklärungsgeschichte. Was sagt ihr dazu? Kennt ihr die obigen Ratschläge? Habt ihr Fragen an mich? Wollt ihr selbst etwas von euch erzählen? Immer ab in die Kommentare damit!

Helge fährt auf der ICSI-Achterbahn

Die ICSI-Achterbahn

Alle einsteigen, die Sicherheitsbügel festziehen und ab geht die Fahrt.

Wir sitzen auf Bodenhöhe in einer kleinen Fahrkabine, ziehen lässig den Sicherheitsbügel ran und sind gespannt, was uns dort oben während der Achterbahnfahrt erwartet. Ein leichtes Kribbeln breitet sich im Bauch aus, aber wir sitzen fest und sicher. Ungefähr so kann man sich den Beginn unserer ICSI vorstellen.

Obwohl ich ein großer Fan von Fahrgeschäften jeglicher Art bin, hätte ich um diese Achterbahn lieber einen großen Bogen gemacht. Die Vorstellung, dass meine Frau, die nebenbei bemerkt sehr sensibel auf alle Hormonpräparate reagiert, zwei Wochen unter einem verkappten PX-41 Serum leiden muss, war mir ein Gräuel. Doch die vier erfolglosen IUIs und der Umstand, dass wir innerhalb von sechs Jahren nur zwei Schwangerschaften hervorbringen konnten (wovon nur eine klinisch bestätigt war), führte fast unweigerlich auf eine ICSI hin. Wenn wir weiter an unserem Kinderwunsch arbeiten wollen, ist die ICSI die logische Wahl.

Die Fahrt geht los

Der Behandlungsplan sieht vor, am zweiten Zyklustag eine Depotspritze Elonva (150µg) zu setzen. Elonva enthält einen Wirkstoff der Gonadotropine, also ein follikelstimulierendes Hormon, das für das Wachstum und die Entwicklung der Follikel (Eizellen im weitesten Sinne) notwendig ist. Ab dem sechsten Zyklustag soll sich Rieke täglich Orgalutran (0,25mg) zum Unterdrücken des Eisprungs in den Oberschenkel oder Bauch spritzen und die letzten vier Tage mit einem Puregon Pen noch 200 IE zur weiteren Stimulation der Eierstöcke hinzufügen. Die Predalonspritze zum Auslösen des Eisprunges (in diesem Fall: der Eisprünge) darf natürlich nicht fehlen.

Am 13. Zyklustag wird die Follikelpunktion, also die Entnahme der Eizellen, unter Vollnarkose mit dem Ergebnis durchgeführt, dass 15 Eizellen gewonnen werden. Am gleichen Tag werden meine Spermien in die Eizellen injiziert. Am Donnerstag erfahre ich, dass dies bei 11 Eizellen möglich war und nach einem Tag nur fünf Embryonen überlebt haben. Am fünften „Reifetag“ sind schließlich nur noch zwei Blastozysten übrig. Als Blastozyste bezeichnet man das Embryonenstadium, wenn der Embryo ca. am fünften Tag eine Höhle bildet.

Wir haben vorab besprochen, dass bei der ersten ICSI nur ein Embryo zurückgeführt, also in die Gebärmutter gesetzt und der zweite Embryo eingefroren wird. Dadurch wollen wir das Risiko einer Zwillingsschwangerschaft ausschließen.

Die Einnistung des Embryos wird durch Progesteron bis zum Schwangerschaftstest unterstützt. Wir haben uns außerdem für die Teilnahme an einer medizinischen Studie entschieden, bei der Rieke das Progesteron als Tablette einnehmen kann. Normalerweise wird Progesteron als Creme oder Gel angewendet, was deutlich umständlicher ist.

Loopings und Schrauben

Soweit der nüchterne Ablauf. Dass sich die technische Beschreibung einer Achterbahn anders liest, als ein Erfahrungsbericht eines Freizeitparkbesuchers, ist wohl nachvollziehbar. So ist es auch bei uns. Die ICSI am eigenen Leib und der eigenen Psyche zu erfahren ist vollkommen anders.

Rieke hat schon früh Symptome einer Eierstock-Überstimulation, die für gehörigen Nervenkitzel sorgen. Oft mache ich mir ernsthafte Sorgen und überlege, ob ich mit ihr direkt in die Klinik fahren soll. Ihr Bauch schwillt innerhalb von wenigen Stunden an, als wäre sie im fünften Monat schwanger, die Schmerzen kommen plötzlich, Wassereinlagerungen in den Beinen kommen und gehen… Ich will so gerne helfen, aber die Ereignisse machen mich eher hilflos. Ich will nicht panisch werden, aber auch ernsthaften Anzeichen nicht ignorieren. Letzlich finden wir aber zu einer gesunden Einschätzung der Symptome und besuchen die Klinik nur bei ernsthaften Komplikationen. Die Ärzte entscheiden sich aber auch bald dazu, Thrombosespritzen zu verschreiben und eine engmaschige Überwachung anzuordnen.

Das ist auch schon gleich der nächste Punkt. Die Anzahl der Termine habe ich mir so nicht ausgemalt. Sieben Besuche haben wir der Kinderwunsch-Klinik während des ICSI-Zykluses abgestattet, viele Termine mussten spontan vereinbart werden und rutschten somit in die späten Morgenstunden. Rieke kann ihrem Arbeitgeber immer noch nichts von der Behandlung erzählen, daher ist es für sie sehr belastend alle Termine schlüssig zu begründen.

Zu den gesundheitlichen und terminlichen Strapazen kommt noch die Hoffnung, die sich bei jeder Behandlung aufbaut und die auch bei jeder Behandlung herbe enttäuscht werden kann.

Vor unserer ersten ICSI lagen drei Monate behandlungsfreie Zeit, in der ich mich langsam an das Bild gewagt habe, wie mein Leben aussieht, wenn wir kinderlos bleiben. Kann ich in einigen Jahren von „kinderfrei“ sprechen? Finde ich andere Inhalte, mit denen ich mein Leben füllen kann? Das Bild einer kinderlosen Zukunft hat sich schon so sehr in meinem Kopf festgesetzt, dass ich anfangs meine Gefühle kaum wieder auf die Kinderwunschbehandlung ausrichten kann. Doch von Tag zu Tag breitet sich die Hoffnung auf einen Erfolg der ICSI in meinem Herzen aus, auch wenn die gesundheitlichen Beschwerden von Rieke kaum Anlass dafür geben.

Wie geht die Fahrt nun aus?

Ich halte es schon jetzt beim Schreiben kaum aus, daher will ich nun schnell zur Auflösung kommen. War unsere Behandlung erfolgreich? Haben sich unsere Bedenken bewahrheitet? Sind die Spannungen in den Brüsten und das leichte Ziehen im Unterleib Zeichen für eine Schwangerschaft?

Rieke war die letzten Tage vor dem Schwangerschaftstest weit weg von zuhause auf einem Seminar und musste dort alleine die Anzeichen ihres Körpers wahrnehmen und interpretieren. Mir blieben nur kurze Minuten am Abend, um mit ihr zu telefonieren und ihre Stimmung abzuspüren. Noch schwebt auch die Gefahr einer Thrombose in der Luft. Ich halte die Zeit nur schwer aus. Zur Ablenkung stürze ich mich in die Arbeit. Fünf Tage vor dem angesetzten Schwangerschaftstest in der Klinik sinkt bei Rieke die Stimmung ab, vier Tage vor dem Schwangerschaftstest setzen leichte Blutungen ein und wir ahnen bereits, dass die Achterbahnfahrt ihrem Ende zugeht. Die letzten Meter läuft die Fahrt durch einen Tunnel und ich erwarte schon den lauten Knall der Bremsen.

Der eigentlichen Schwangerschaftstest wird um drei Tage vorgezogen und Rieke fährt in die Klinik. Das Testergebnis wird ja immer telefonisch mitgeteilt, in diesem Fall ist es an mir mit der Ärztin das Ergebnis zu besprechen. Schon ihre Stimme macht mir klar, dass das Ergebnis negativ ist. Und genau so ist es. Ich habe das Gefühl, als würde meine Hoffnung gerade in einem Looping durch den Sicherheitsbügel rutschen.

Das Aufbauprogramm

Der Schmerz kommt – wie immer bei mir – zeitverzögert. Die depressive Grundstimmung, die Gefühlsarmut, die Leere im Kopf lösen sich langsam auf und machen einer großen Trauer Platz. Ich merke schnell, dass ich etwas unternehmen muss. Rieke gibt letztlich den Anstoß und ich hole wieder meine Laufschuhe raus. Wir nehmen uns fest vor, wieder mehr Sport zu treiben, die Ernährung gesünder zu gestalten und oft über unsere Situation zu reden.

Den Anfang machen wir direkt am Tag nach dem negativen Schwangerschaftstest. Ich nehme mir früh Feierabend, reserviere einen Tisch, gehe laufen, power mich richtig aus, nehme meine Frau bei der Hand und genieße ein großartigen Abend im Restaurant mit Aperol-Spritz zum Anstoßen und viel Zeit zum reden. Das bringt uns wieder ein bisschen in die Spur.

Jetzt liegt der Schwangerschaftstest vier Tage zurück und ich habe jeden Tag Sport gemacht. Das Körpergefühl und die Stimmung entwickeln sich positiv, sodass ich frohen Mutes in die Zukunft blicken kann.

Viele von euch haben bestimmt ähnliche Situationen erlebt. Wie geht ihr mit den negativen Erlebnissen während der Kinderwunschbehandlung um?